25.01.18 25.01.18 – Text zum ökumenischen Brückenschlag vom Sonntag, 4. Februar 2018, ab 10.00 Uhr Grossmünster und Helferei: Gottesdienst mit Volksfest und Wurstessen
Die Freiheit des Christenmenschen is(s)t nicht wurst…
Der öffentlich ausgetragene Streit um die Wurst beim Buchdrucker Christoffel Froschauer vor 500 Jahren hat sich erstens in das ökumenische Gedächtnis der Zürcher Stadtseele als Fanal der Umwälzungen von Kirche und Gesellschaft eingebrannt. Vergleichbar mit dem berühmten Thesenanschlag von Martin Luther an die Wittenberger Schlosskirche am 31. Oktober 1517, bekam das Fastenbrechen am 1. Sonntag der Fastenzeit, 9. März 1522, im Haus des Buchdruckers im Beisein von Zürcher Persönlichkeiten und Pfarrkollegen von Ulrich Zwingli eine für die schweizerische Ausbreitung der reformatorischen Aufbrüche prägende Bedeutung. Die privat nicht mehr eingehaltenen Fastengebote wurden schon vor diesem Datum öffentlich gebrochen. Zwingli war nicht der erste, er ass laut den historischen Quellen auch nicht mit. Doch die Wirkung war ausserordentlich bedeutsam. Der Rat verurteilte die Tat und Zwingli predigte im Grossmünster 14 Tage später öffentlich die theologische und kirchenpolitische Bedeutung ihrer Tat. Mit dem Titel „Von der freien Wahl der Speisen“ veröffentlichte er mit Froschauer zusammen wenig später seine Predigt als Traktat. Der Streit entbrannte. Am 9. April trat eine bischöfliche Delegation vor dem Zürcher Rat auf und verlangte harte Strafen. Der Rat erteilte Zwingli die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Im Juli schob Zwingli noch ein Scheit nach. Er schrieb an den Bischof von Konstanz. Neben der freien Wahl der Speisen forderten er und seine Kollegen auch die Abschaffung des Zwangszölibats. Der Prozess der Erneuerung war irreversibel geworden.
Das Wurstessen ist zum Zweiten ökumenisches Gewissen der Kirchen in unserer Stadt und unserem Kanton geworden. Wenn es um die Freiheit für solidarisches Einstehen zugunsten der Benachteiligten, für Gerechtigkeit und Einstehen für die Wahrheit sowie für die Erhaltung von Schöpfung in Kultur und Natur geht, darf keine kirchliche Macht und religiöse Gewalt den Menschen in dieser seiner ihm von Gott zugesprochenen Freiheit behindern. Die Haltung gegenüber den religiösen Praktiken brachte Zwingli in seinem Traktat auf den Punkt: „Kurzum, wenn du faste willst, tue es. Wenn du kein Fleisch essen willst, iss es nicht. Lass aber den Christenmenschen frei entscheiden, was er möchte oder nicht.“ Der Schutz solcher Entscheidungsfreiheit ist heute dringend nötige Gewissensarbeit. In einer plural gewordenen Gesellschaft gilt der Schutz solcher Freiheit im Entscheid nicht nur Christinnen und Christen, sondern auch Muslimas und Muslimen, Jüdinnen und Juden, Buddhistinnen und Buddhisten, Hinduistinnen und Hinduisten, Angehörige atheistischen und anderen weltanschaulichen Überzeugungen. Angesichts der Debatte um Kopftücher, christliche Werte und Anerkennung von orthodoxen und muslimischen Schwestern und Brüder im Kanton und in der Schweiz haben sich die öffentlich anerkannten Kirchen und Gemeinschaften mit gleicher Vehemenz und Wirkung einzubringen wie Zwingli und seine Freunde und Freundinnen damals.
Der ökumenische Gottesdienst im Grossmünster und das Wurstessen in der Helferei ist drittens ökumenische Hoffnungsgeschichte für die Stadt. Angesichts des Zürcherischen Gedenkens der Reformation im nächsten Jahr, weil Ulrich Zwingli am 1. Januar 1519 zum ersten Mal als Pfarrer des Volkes auf die Kanzel im Grossmünster stieg, und mit Blick auf die bevorstehende Wahl eines Nachfolgers von Bischof Huonder in Chur, soll dieser Sonntag unmittelbar vor der diesjährigen Fasten- und Passionszeit mutmachendes Signal für weitere ökumenische Brückenschläge in unserer Stadt und unserem Kanton im Kontext der multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft werden.
Die Freiheit des Christenmenschen i(s)st nicht wurst. Bei der Freiheit aller Menschen geht es in Tat und Wahrheit um die Wurst.
Christoph Sigrist

24.12.16 Urvertrauen in das Gute

«Als ich mich in diesem November im Himalaja auf dem Mera Peak setzte und an der Grenze meiner körperlichen und seelischen Kräfte war, schaute mich mein Sherpa und Bergführer kurz an und zog mich am Seil hoch: «Come on, we can do it together!» Ich spürte in mir ein tiefes Urvertrauen aufsteigen, es fühlte sich warm an, wie wenn ich Sauerstoff bekomme. Ich schaute zum Everest. Mein Herz klopfte, meine Seele trank die Kraft, und sie wusste, sie trinkt Gott. Ich liess mich vom Seil führen, Schritt für Schritt, durch den Schmerz des Körpers und der Lunge, weit hinunter und über einen Pass zum Dorf.
An der Grenze von eigenem Vermögen erfahre ich, dass ich gehalten bin und geführt werde.
Ich vertraue dem, der mich anschaut, und lasse mich durch die Zerrissenheit und Endlichkeit zum bergenden Ort hin ziehen. Glauben kann als ein tiefes Urvertrauen in das Gute, in Gott verstanden werden. Solches Urvertrauen ist auf Augen angewiesen, die einen anschauen, auf Hände, die anpacken, und Lippen, die Mut zusprechen. Die Hirten und Weisen müssen diese unglaublich starke, Grenzen überwindende Kraft in sich gespürt haben, als sie vom lachenden Kind in der Krippe angeschaut wurden.»

Christoph Sigrist


14.12.16 www.diesseits.ch
Hausbesuche


19.11.16 www.diesseits.ch
Den Tod streicheln


19.10.16 www.diesseits.ch
Blogeintrag zum Friedensgebet mit Dalai Lama


01.10.16 www.diesseits.ch
Blogbeitrag zum Thema Scham


10.09.16 Zwingli pilgert zur Madonna von Einsiedeln

Im Jahr 1516 trat Huldrich Zwingli die Stelle des „Leutepriester“, des Pfarrers fürs Volk, in Einsiedeln an. Er empfing damals auch die Zürcher Wallfahrer nach ihrem jährlichen Pilgerweg zur Schwarzen Madonna von Einsiedeln. 500 Jahre später, am 18. September 2016, dem eidgenössischen Bettag, predigt mit Christoph Sigrist erstmals wieder seit der Reformation ein Pfarrer des Grossmünsters in der Klosterkirche. Sigrist nimmt damit die Gegeneinladung des Abtes Urban Federer an, welcher seinerseits letzten Januar die Kanzel des Grossmünsters bestiegen hatte.
An diesem ökumenischen Gipfeltreffen sprechen Zwingli-Kenner und Reformations-Botschafter Sigrist und der Abt in ihrer dialogischen Meditation nicht über irgendein Thema, sondern ausgerechnet über einen zentralen Streitpunkt zwischen den Kirchen, über Maria. Wobei sich der heutige Grossmünsterpfarrer durchaus auf den Zürcher Reformator berufen kann, hat doch eine der vier überlieferten Predigten des glühenden Marien-Verehrers Zwingli ebenfalls die Mutter Jesu zum Thema. Man darf gespannt sein, wie sich der Zwingli-Pfarrer und der Benediktinerabt unter dem Schutzmantel der Madonna zum ökumenischen Friedensgruss finden.
Die ökumenische Meditation zu Maria von Pfarrer Christoph Sigrist und Abt Urban Federer findet um 18.30 Uhr in der Klosterkirche Einsiedeln statt. Musikalische Umrahmung durch die Vokalsolisten der Corale Pisana unter Leitung von Gianpaolo Mazzoli, begleitet von Pater Lukas Helg an der Orgel.
Der Anlass ist öffentlich.
Auch am Hauptgottesdienst des Bettags morgens um 9.30 Uhr wird Pfr. Sigrist in der Klosterkirche die Predigt halten, dann zum Thema „Gott oder Mammon“.


02.09.16 – NZZ – Debatte und Meinungen, 2. September 2016

Stimme der stummen Welt
„Die Menschen ohne Dach, ohne Nahrung, ohne Kleider, ohne Gesundheit, ohne die geringste Bildungsmöglichkeit, ohne Arbeit, ohne Zukunft, ohne Hoffnung, sind in Gefahr, dem Fatalismus zu verfallen, ihr Mut entsinkt ihnen, ihre Stimme versagt, sie werden zu Menschen ohne Stimme.“ Diese Gebetsworte des brasilianischen Erzbischofs Helder Camara gelangten 1989 in die deutschsprachige Welt, und mit ihnen auch der Blick auf eine Gesellschaft, in der Menschen ohne Stimme leben. Die neue Theologie aus Lateinamerika mit ihrer Option für die Armen legte auch für Europa die Mechanismen der Ausgrenzung offen.
Im Sommer 2016 geht es in der Schweiz nicht um die Diskussion um Armut mit deren Gründe, sondern um die Debatte um das Tragen der Burka, in der sich plötzlich nicht nur Vertreter von Parteien, sondern Verantwortliche von Regierungen und Kirchen mit mehr oder weniger differenzierten Argumenten meist für ein Verbot aussprechen. Die Diskussion wurde durch die Medien von Stammtischen und Parteizentralen auf Gassen und Strassen getragen. Das mag seine guten Seiten haben. Weniger gut ist, dass 400‘000 Muslime in der Schweiz, gut 30‘000 Muslime in der Stadt Zürich zu Menschen ohne Stimme werden, einmal mehr.
Das Zürcher Forum der Religionen feiert nächstes Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Das Forum vereinigt die unterschiedlichen kirchlichen und religiösen Gemeinschaften im Kanton Zürich sowie staatliche Verantwortungsträger. Die Begegnung untereinander und das gemeinsame Lernen und Beten miteinander sind zentrale Anliegen, die in Wochen der Religionen und interreligiösen Feiern zum Ausdruck kommen. Das Forum ist Hör-Schule für die verstummten Stimmen fremder Kulturen und Religionen in unserer Heimat.
Beide also, Kirchen wie Forum, haben die Verantwortung, in der Debatte um das Burka-Verbot den stimmlosen muslimischen Bewohnerinnen und Bewohner eine Stimme zu geben.
Die Stimmung in den von der Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich (VIOZ) zusammengeschlossenen muslimischen Gemeinden ist mehr als angespannt. Zehntausende von Frauen mit ihren Familien erleben die Debatten um Burka und Burkini als assimilistisch und rassistisch. Auch wenn 99,9% der Muslime und Muslimas in der Schweiz das Tragen des Geschichtsschleiers als „fremd“ empfinden, sind sie von der Debatte sehr betroffen. Sie empfinden angesichts der erregten und aufgewühlten Stimmung sowie der öffentlichen Angriffe gegen „Moscheen“, „Imame“ und „Muslime“ ähnliche Gefühle wie bei der Debatte um die Minarette. Im Alltag der muslimischen Gemeinden ist die Ohnmacht allgegenwärtig, medial zur Zeit praktisch keine Stimme mehr in den Bashing-Debatten zu haben.
Dazu kommt, dass die mehr oder weniger wohlüberlegten Diskurse von Verantwortlichen in Kirche, Politik und Medien, die ein allfälliges Burka-Verbot mit liberalen Grundwerten, mit dem Einfordern von Identität und Rechten in der Gesellschaft verbinden, Nebenwirkungen zeigen, die die muslimische Bevölkerung zusätzlich verletzen und ausgrenzen. Dies schadet mit nachhaltiger Wirkung Integrationsprozesse und das Zusammenleben untereinander, ganze Bevölkerungsgruppen werden zu Menschen ohne Stimme.
Kirchgemeinden können zu Orten werden, wo solche Stimmungen hörbar werden. Am Abend nach dem Anschlag in Brüssel im Frühling besuchte der Sohn des Imans einer muslimischen Gemeinde die Konfirmandenklasse des Grossmünsters, um die unterschiedlichen Aspekte von Jesus miteinander zu diskutieren. Natürlich war der Anschlag ein Thema. „Was dachtest Du heute Morgen beim Anschlag?“ „Ach, ich dachte so wie alle 30‘000 Muslime in der Stadt. Wir verabscheuen diese Verbrechen, die im Namen unserer Religion verübt werden. Wir fühlen mit den Opfern. Für uns Muslime in Zürich wird des jetzt noch schwerer. Schaut, ich suche einen Jugendraum für unseren Jugendtreff der Gemeinde. Ich glaube, jetzt kann ich diesen vergessen. Und dass wir ausgegrenzte Felder auf dem Friedhof in Schlieren bekommen, ist auf Jahre nach hinten gerutscht.“ Die Burka-Debatte ist armseliger Ausdruck unseres durch Angst und Hilflosigkeit geprägten Umgangs mit einer der wichtigsten Fragen für das gesellschaftliche Leben heute: Wie kann das Zusammenleben mit den muslimischen Bewohnerinnen und Bewohnern gelingen?
Trotz allem sind einige wichtige Schritte in Zürich schon erfolgt. Der obligatorische Unterricht in Religion und Umwelt zeigt nach 10 Jahren erste Früchte. Muslimische Gräber sind in städtischen Friedhöfen eingerichtet, interreligiöse Räume der Stille laden in Mobilitätszentren wie Hauptbahnhof oder Flughafen ein, die Debatte um die Anerkennung von einzelnen muslimischen Gemeinden, den Bau einer Moschee sowie die Einführung einer Imam-Ausbildung in der Schweiz werden konstruktiv mit den Betroffenen geführt.
Es wäre zielführender, die Energie von der Frage nach Burka und Burkini auf diese Herausforderungen der Zukunft zu lenken. So gelingt, dass die verstummten Stimmen in Zürich zum Reden kommen und gehört werden.
Christoph Sigrist


07.08.16 – Gottesdienst im Berliner Dom
Lesungstexte: 2. Sam 12,1-10.13-15a; Lk 18,9-14; Predigttext: Eph 2,4-10.
„Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat uns in seiner grossen Liebe, die er uns entgegenbrachte, mit Christus zusammen lebendig gemacht, obwohl wir tot waren in unseren Verfehlungen – durch Gnade seid ihr gerettet.“ Eph 2,4-5

Liebe Gemeinde

Wenn die liebe Welt erbarmungslos aus den Fugen zu fallen droht, und die Sehnsucht nach Erbarmen und Liebe schmerzt, fragt sich wohl manche bange Seele: Wo wird Gott erfahren, der Tod in Leben wandelt. Ich will es Ihnen sagen: Er wird in diesen Wochen am Mittelmeer erfahren, an jenen Ort, wo alltäglicher Tod und feriengetränkte Lebendigkeit aufeinander prallen. Ob in Nizza oder in Sizilien, Touristen baden im selben Wasser, das nur in diesem Jahr für 3127 Flüchtlinge zum Grab wurde. Wo wird Gott erfahren? Ja, ich halte für wahr, genau da, wo Tod und Leben ineinander verschlungen sind, gerade da erfahren Menschen, die tot waren, Gott.

Diese für meine Auslegung des heutigen Predigttextes grundlegende Einsicht nährt sich aus meiner Arbeit mit jungen Erwachsenen. Seit Jahrzehnten ist es Tradition am Grossmünster, dass die Freizeit der Konfirmanden in Sizilien an der Küste in der Nähe von Siracus und Scicli stattfindet. Wir sitzen auf dem Boden in den Gassen von Scicli. 6 junge Männer sind es, die mitten unter uns etwas verloren im Kreis versuchen, die Hemmschwellen von Kulturen und Sprachbarrieren zu überwinden. Sie sind auf dem Boot über Lampedusa im Hafen von Pozzallo in Sizilien gelandet und in die casa delle culture gekommen. Die evangelische Gemeinde der Methodisten betreut mit Freiwilligen zusammen die insgesamt 40 Flüchtlinge in einem nationalen Projekt der Waldenser Kirche.

Da sitzt auch Wisthom, ein 16 jähriger Junge, geflohen aus Nigeria, 9 Monate auf der Flucht, mit der Hoffnung in seiner Seele, Lebenssinn und Lebensperspektive bei uns in Europa zu finden. Mit gesenktem Blick erzählt er:

„Ich steige ins Boot, zusammen mit vielen, zu vielen. Wir stossen ins Wasser. Es ist Nacht. Wir schauen in den Himmel. Ich habe Angst, Angst, zu sterben. Die Sterne sind nicht weit, sie kommen immer näher. Ich sterbe. Ich senke den Blick, sehe ins Schwarz des Wassers, unendliche Tiefe. Blick hinauf, Blick hinunter. Hopeless, ohne Hoffnung. Da, mitten im Meer, nur ein Schrei: Wo bist Du, Gott! Da glaubte ich im Moment nicht mehr. Ich hielt mich für tot, suchte nach Schuld und Fehler.“ Wisthom stockt, er zerrt an einem Faden, der aus seinem gebleichten Pullover immer grösser wird. Er rollt ihn um seinen Finger. „ Und doch“, ein Ruck geht durch seinen Körper, er sitzt nun kerzengerade vor uns, schaut mich direkt an: „Ja, Gott ist es, der mich rettete. Er hat mich gerettet! Nur er. Ich bin überzeugt, er macht die 50 anderen Männer, die wegen dem hohen Wellengang über Bord gingen, auch wieder lebendig. I hope so and I belie- ve that.“ Ein Konfirmand fragt in das grosse Schweigen: „Wieviele waren im Boot?“ „100“. „Und wie alt bist Du?“ „17 Jahre.“ Wisthom reisst den Faden vom Pullover und gibt ihn dem zutiefst betroffenen Jugendlichen.

Liebe Gemeinde, aus dem Stoff von hopeless wird der Faden von hope aufgedröselt und um den Finger der Seele gewickelt, sodass dieser Finger voller Hoffnung in die bange Seele zu schreiben beginnt das, was Gott vorgedacht hat und wir Menschen nachzudenken haben. Das ist der Stoff, aus dem Geschichten wie die vom Propheten Nathan mit dem König David gewoben sind, oder die so grossartige Szene wie die vom Zöllner Zachäus und Jesus.

Das ist jedoch auch Stoff, aus dem der Epheserbrief gewoben ist. Ach, wir gescheiten Exegeten und Theologen, Männer wie Frauen, streiten uns über die Umstände: Ist es die Repression der sogenannten Judenchristen gegenüber den christlichen Heiden, oder die Verfolgungssituation unter Domitian in Kleinasien? Wir streiten uns über den Verfasser: Ist es Paulus selber oder ein unbekannter Autor? Wir wollen jedoch die Ab- sicht des Briefes klar erkannt haben: Es geht um die innere Einheit der Gemeinde und um die Verpflichtung, christlich zu leben im Unterschied zur unchristlichen Umwelt. In Christus, so der rote Faden des Briefes, wird das Geheimnis offenbar, dass Gott trotz dem Gottlosen in der Welt alles zusammenhält: Er, Christus, ist der Ort, an dem alles seinen Sinn bekommt, weil hier alles so mit Gott verbunden wird, dass das, was einst tot war, lebendig wird.

Wisthom hat diesen Ort gefunden. Wie glücklich wären wir, wenn auch wir einen sol- chen Ort in unserem Leben fänden.

Viele suchen diesen Ort im Kirchenraum wie auch in der Kunst. Der Berliner Dom verbindet in diesem Jahr dieses ästhetische Erleben von Kunst und Kirche in einem Ausstellungskontinuums. Nach diesem Gottesdienst wird die Installation von Helen Escobedo eröffnet: „Die Flüchtlinge – Los Refugiados“. Die international bekannte mexikanische Künstlerin nimmt das Thema der Flucht in ihrem OEuvre seit 2001 auf, das an politischer wie kirchlicher Aktualität in diesen Monaten noch dazugewonnen hat.

Der Begleittext hält zu den lebensgrossen, menschlichen Figuren aus Holz, Textilien und Draht fest: „Menschliche Figuren, zusammengebunden aus Stoffresten, ziehen in einer langen Kolonne ihres Wegs. Die Fetzen am Leib zeugen von Not. Ihre Körper und Köpfe sind gebeugt, auch voneinander nehmen sie keine Notiz. Trotz der bunten Farben ist die Atmosphäre düster und trist. Keine Gesichter, kein Wort, keine Bewe- gung. Nur die stille, mahnende Monumentalität der 61 Figuren. …Escobedos Figuren stehen für Millionen von echten Menschen, die fliehen müssen. Durch diese Ruhe be- kommen die Betrachtenden die Möglichkeit, sich „greifbar“, nah, emotional und per- sönlich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Eine Figur steht für Wisthom….

Der Epheserbrief nimmt diesen ästhetischen Faden auf, wenn er von der vielfarbigen, vielgestaltigen Weisheit Gottes spricht (3,10), und davon, dass man solche Schönheit nur mit dem Auge des Herzens sehen kann (1,18). Doch noch wichtiger als ästhetisches Erleben ist ihm die ethische Verpflichtung.

Und in der Tat finden viele in der ethischen Verpflichtung, den Menschen auf der Flucht zu helfen, den Sinn ihres Lebens, selbst dann, wenn sie nicht an Gott glauben. Unzählige Freiwillige in unseren Kirchgemeinde und Pfarreien in Berlin, in Zürich, in Sizilien und an unzähligen anderen Orten engagieren sich seit Monaten mit Räumen wie Pfarrhäusern und Kirchgemeindehäusen und umgenutzten Kirchen, mit Geld und Geist, dass Menschen auf Flucht Respekt, Hilfe und Zukunft entgegengebracht wer- den. Von der Welt, die aus den Fugen gerät, als „naiv“ verlacht, als Gutmensch abge- stempelt, oder – wie es mir und unzähligen anderen ergeht, mit Beleidigungen und To- deswünschen bedroht. Für den Epheserbrief ist klar: Es gibt eine ethische Verpflich- tung zur Mit-Menschlichkeit. Sie geschieht im Klangraum einer allumfassenden Liebe. Der Ursprung dieser Liebe ist Gott, die Kraft ist Erbarmen, das Ziel ist Lebendigkeit, die Wirkung ist – Rettung.

Durch diese Beziehung auf eine letzte Wirklichkeit wird das, was für andere nur die Rettung von Boat People ist, zum Hinweis auf Gottes Rettung. Die Begegnung mit dem geretteten Wisthom offenbart diese letzte Wirklichkeit, die Betrachtung der le- bensgrossen Figuren Escobedo ist Gelegenheit, darüber nachzudenken. Und beides regt mich zu einem weiteren Gedanken der Predigt an.

Ist es wahr, dass wir aus Gnade gerettet sind, dann muss dieser im nächsten Jahr hier in Deutschland und der Schweiz auf manchen Kanzeln und Redner-Pulten zitierte re- formatorische Satz der Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Gnade auch für eine nicht theologische Sprache verstehbar sein. Wisthom, der Flüchtling aus Nigeria, hat mich darin gelehrt: „Ja, Gott ist es, der mich rettete. Er hat mich gerettet! Nur er. Ich bin überzeugt, er macht die 50 anderen Männer, die wegen dem hohen Wellengang über Bord gingen, auch wieder lebendig. I hope so and I believe that.“

Wisthom hat mich gelehrt, zu staunen, dass ich bin, staunen, dass überhaupt etwas ist und nicht nichts. Und mit diesem Staunen berühre ich Gott, der aus dem Nichts schafft, und spüre in grosser Betroffenheit, dass auch mein Handeln nicht sein kann, und doch ist: ich helfe, ich rette, ich lasse mich treffen von der Not, ich bin da. Mitten drin dort, wo die Welt aus den Fugen zu geraten droht, fügt sich eine andere Welt zu- sammen: es entsteht ein Raum voller Erbarmen, voller Versöhnung, voller Frieden, voller Liebe – voller Rettung. Wisthom hat den Sinn der Welt nicht erfunden. Er hat ihn gefunden. Und genau das hält der Epheserbrief in seiner kosmischen Theologie fest, wenn er lapidar festschreibt:

„Durch Gnade seid ihr gerettet“ – Dieser hochtheologische Satz, mit dem Faden des tief betroffenen Geretteten gewoben, wird zum Stoff, mit dem der Raum von Mitmenschlichkeit und Solidarität in Gott’s Name und in der Nachfolge Christi neben vie- len anderen Stoffen von Religionen und Weltanschauungen ausgestattet ist. Dabei können wir drei Entdeckungen machen, die ich Ihnen zum Schluss aufgrund meiner Erfahrung mit den Flüchtlingen und Konfirmanden in Sizilien zeigen möchte.

Die erste Entdeckung zeigt sich in den Tränen auf der Strasse. Nicht nur die 6 Männer waren es, die immer wieder ihren Redefluss durch Weinkrämpfe unterbrechen muss- ten. Manch ein Jugendlicher aus der Schweiz nahm verstohlen die Sonnenbrille hervor, um die geröteten Augen nicht zeigen zu müssen. Tränen sind Zeichen der Erschütte- rung. Und erschüttert bin ich dann, wenn es mich übermannt hat, wenn ich nichts mehr im Griff habe, mir der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Ich werde meiner Verletzlichkeit und meiner Verletzbarkeit gewahr. Dann, mehr als sonstwann, öffnet sich meine Hand, und wohl auch mein Herz. Und jede Träne ist wie eine Frage, die auf eine Antwort wartet. Und einmal, I hope so and I believe that, wird Gott die Antwort sein.

Die zweite Entdeckung hängt mit den Handy’s zusammen, die die Jugendliche heutzu- tage begleiten wie früher bei uns Älteren …das Freundschaftsbuch? Nach dem Ge- spräch standen die Flüchtlinge und meine Konfirmanden zusammen, und dann wurden die Nummern ausgetauscht und ein unsichtbares Netz sichtbar und auch hörbar ge- knüpft. Eine Konfirmanden kam im Car freudestrahlend auf mich zu: „Jetzt müssen Sie hören: Vorher, beim Abschied, habe ich gerade noch mit der Mutter von ihm in Nigeria reden können. Ich verstand kein Wort, doch ich wusste genau, was sie sagte. Ist das nicht verrückt?“ Nach der bekannten Philosophin Hanna Arendt leben wir in ei- nem Netzwerk von Lebenswelten, das weder durch eine Mauer noch durch Draht ab- geschirmt oder getrennt werden kann. Freiheit ist immer nur als Freiheit in Bezogen- heit erfahrbar.

Die dritte Entdeckung machte ich abends spät nach unserem Nachtritual. „Herr Sigrist, darf ich Sie kurz haben?“ Ich ging mit einem aufgeweckten Jungleiter auf die Seite. „Wissen Sie, die jungen Männer lassen mich nicht los. Ich bin ja gleich alt wie sie. Ich habe ein gutes Daheim, meine Eltern leben noch, auch wenn sie manchmal schwierig sind. Wissen Sie, auch wenn es nur ein Tropfen auf einen heissen Stein ist, man muss doch einfach helfen. Ich komme nach den Ferien auf Sie zu, ich möchte mich bei Ihrer Flüchtlingshilfe der Kirche engagieren. Und da, nehmen Sie das, ich kaufe dafür ein Bier weniger.“ Er drückte mir 10 Euro in die Hand. „Denn sein Gebilde sind wir, ge- schaffen in Jesus Christus zu einem Leben voller guter Taten, die Gott schon bereitge- stellt hat.“ (1,10) – so schreibt es unser Brief.

Wir sind verletzlich, wir sind in einem Netz von Lebenswelten verknüpft, wir tun Gu- tes, dreifach gezwirnt ist der Faden, aus dem der Stoff unseres Lebens und unsere Glaubens gewoben ist. Mit diesem Stoff gestalten Künstlerinnen wie Helen Escobedo die lebensgrossen Figuren mit ihren Fetzen und Stoffresten, aus diesem Stoff sind all die Optimisten gewoben, die helfen und retten, auch wenn die Welt wegen Terror, Krieg und Gewalt aus den Fugen gerät.

Es war Dietrich Bonhoeffer, der für den Christen den Ausdruck des „unverbesserlichen Optimisten“ geprägt hat. „Es gibt gewiss auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muss.“, schreibt er. „Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt; er ist die Gesundheit des Lebens…. Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiter- leben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

I hope so and I believe that. Amen.

Pfr. Christoph Sigrist


13.01.16 – Gebetswoche zur Einheit der Christen

 “Berufen, die grossen Taten des Herrn zu verkünden” (1 Petrus 2,9)

Mit dem Motto aus dem 1. Petrusbrief rufen die Christen aus Lettland zum gemeinsamen Zeugnis auf. Sie haben die offiziellen Texte für die Gebetswoche für die Einheit der Christen entworfen, die vom 17.-24. Januar 2016 in der Schweiz gefeiert wird.
Im Grossmünster sind nicht nur die Verbindungen zu Lettland dank unserer Gemeindereise stark. Sondern auch das Feiern der ökumenisch ausgerichteten Gottesdienste zu Beginn des Jahres ist Tradition geworden. Aus reformierter Identität und Verwurzelung heraus das Gespräch und die Begegnung mit anders glaubenden Christen zu suchen ist Auftrag auch der Grossmünstergemeinde.
In der Ökumene nach „aussen“ ist in diesem Jahr Abt Urban zu Gast. Er ist nicht nur in seiner Funktion als Abt von Einsiedeln Bürger von Zürich, sondern er ist auch in Zürich aufgewachsen und ist bei uns heimisch. Dass dann der Grossmünsterpfarrer in Einsiedeln im Kloster an Bettag 2016 Gast ist und predigen wird, ist Zeichen gegenseitiger Wertschätzung und zeugt vom offenen und ökumenisch ausgerichteten Geist des Klosters auch gegenüber der reformierten Kirche und Kirchgemeinde vor Ort.
Eine Woche später werden in der Ökumene nach „innen“ die Konfirmandinnen und Konfirmanden des Grossmünsters und der evangelisch lutherischen Kirche Zürich zusammen mit den Schwestern und Brüdern der ungarischen Gemeinde und der chiesa evangelica di lingua italiana (Waldenser) dem Zeugnis der Berufung nachgehen. Dabei begrüssen wir neu als Pfarrerin der ungarischen Gemeinde Pfr. Krizstina Mincha.
Da das Hilfswerk der Evangelischen Kirche der Schweiz (HEKS) die kirchliche Zusammenarbeit bei den ungarischen Christen in Ungarn, der Slowakei und in Rumänien stark fördert, ist es ein schönes Zusammenspiel, dass in diesem Gottesdienst der neue Direktor des HEKS, Andres Kressler, eingesetzt und der Bischof László Fasekas aus der Slowakei die Grussbotschaft halten wird.
Zu diesen Gottesdiensten sind Sie herzlich eingeladen, als Gastgeberin mit den verschiedenen Gästen im Grossmünster zu feiern und das Leben zu teilen.


06.12.15 – Deradikalisierung zu einer offenen Gesellschaft – Beitrag der Kirche
Der arabisch-israelische Diplompsychologe Ahmad Mansour, Bürger von Israel, in Berlin lebend, beratet Eltern und  Jugendliche bei der Deradikalisierung. Im heutigen Sonntagszeitungs-Interview kommt er auf die Präventionsarbeit zu sprechen: „Jeder zweite Jugendliche hat in seinem Kopf Dinge, die problematisch sind. Das ist der Pool, aus dem Salafisten ihre Opfer fischen.“ Auf die Frage, wo denn diese Arbeit stattfinden soll, antwortet Mansour: „In der Schule. Wir müssen kritisches Denken fördern. Wir müssen ihnen ein Religionsverständnis anbieten, das mit Offenheit zu tun hat.“ (Seite 15)

Im Kanton Zürich findet in den Schulen seit mehreren Jahren der Religionsunterricht obligatorisch für alle Kinder statt und wird von dafür ausgebildeten Lehrpersonen gestaltet. Neben diesem Unterricht in „religion about“ lernen die Kinder in Synagogen, Moscheen und Kirchen in ihren Gemeinden den praktischen Vollzug des religiösen Lebens und Glaubens in der ihnen entsprechenden Konfessionen und Religionen („religion into“). Dieses Modell bewährt sich als friedens- und deradikalisierendes Instrument.
Kirchen mit ihren öffentlichen Räumen können als Spielräume des Glaubens verstanden werden, in denen Menschen den Mut bekommen, an einer offenen Gesellschaft mitzubauen und mitzugestalten. Indem sie sich aus anderer, transzendenter oder göttlicher Perspektive als gleichwertig in aller Unterschiedenheit gegenüber andern entdecken, ihrer Zerbrechlichkeit und Brüchigkeit bewusst werden. Beeinträchtigungen nicht nur beim andern, sondern auch bei sich selber finden, die Hoffnung in sich spüren, verwandelt und anders wieder aus den sakralen Räumen zu gehen, als hereingekommen. Dadurch sich und andere so und eben anders erfahren, lernen sie ein offenen Religionsverständnis als Teil einer offenen Gesellschaft.

Die Begegnung mit den erwachsenen Menschen mit Beeinträchtigungen unterschiedlicher Art, die in den Wohnheimen Seefeld leben, mit den KonfirmandInnen und Konfirmanden des Grossmünsters kann als Schule solch offener Glaubens- und Lebenshaltung sein und verdichtet sich im gemeinsam gestalteten Gottesdienst vom nächsten Sonntag um 10.00 Uhr im Grossmünster.


01.11.15 – Grossmünster, Reformationssonntag 

Kantaten-Gottesdienst «Sola fide – Allein der Glaube»
Christoph Sigrist | Reformations-Botschafter der Zürcher Kirche, Liturgie und Predigt-Dialog
mit Pfrn. Prof. Dr. Margot Kässmann | Reformations- Botschafterin der Evangelischen Kirche Deutschland
Predigt:
Liebe Gemeinde
Da schreit ein Vater, der sich sehnlichst wünscht, Jesus möge seinen Sohn heilen. Kurz zu vorher hat er noch gezweifelt: „Wenn du aber etwas kannst, hilf uns!“ und Jesus sagt: Das ist doch keine Frage von Können, sondern von Glauben! Der Vater wirft alle daraufhin seine Sorgen, sein Ringen, seine tiefe Verzweiflung in diesen Ruf: „Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!“
Ich denke, jeder Christ, jede Christin kann das mitrufen. Ja, wir wollen glauben, wir ringen um den Glauben! Und dann geschieht ein Unglück im Familienkreis und wir fragen uns: Können wir da noch glauben? Wir sehen das Elend der Welt, einen Flugzeugabsturz, den Krieg in Syrien, die Menschen auf der Flucht und rufen: Gott, wo bist du denn???? Wie können wir glauben angesichts von Leid und Trauer, von Krieg und Verzweiflung?
Martin Luther hat intensiv um solchen Glauben gerungen, er war ein „Gottsucher“ im wahrsten Sinne des Wortes. Und er war ein Mann, der Angst hatte vor Gott. Zu seiner Zeit war die Überzeugung, dass der Mensch, der nicht im Kloster, im Zölibat lebt, absolut sündig ist. Nur, wenn er alle Sünden beichtet, dem Fegefeuer und der Hölle entgehen kann. Und so beichtete Luther manchmal mehrmals am Tag und wurde für seinen Beichtvater geradezu zur Geduldsprobe.
Eine Form, von Sünden frei zu werden, war neben dem Beichten, sich von ihnen frei zu kaufen. Sinnbild dafür ist der Ablasseintreiber Tetzel mit seinem Satz: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“
All das trieb Luther um in seiner Suche nach Gott. Beim Lesen der Bibel erkannte er: Die Kirche kann doch keine Sünden vergeben! Freikaufen kannst du dich von Sünden auch nicht. Davon steht nichts, aber auch gar nichts in der Bibel. Das begreift Luther vor allem am Römerbrief. In seiner Vorlesung dazu in Wittenberg geht er diesen Brief Satz für Satz durch. In Kapitel 3, 28 liest er: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
Nun, das ist Luthers Übersetzung und für die wird er heftig kritisiert. Denn das „allein“ steht so nicht im griechischen Urtext und auch nicht im lateinischen Text, den Luther benutzt. Aber wie wir Lutheraner unseren Luther kennen, setzt er sich auch damit auseinander. Ich hoffe, Sie ertragen es hier in Zürich, jetzt einmal Luther selbst dazu zu hören aus seinem Sendbrief vom Dolmetschen: „Ebenso habe ich hier, Römer 3, sehr wohl gewußt, daß im lateinischen und griechischen Text das Wort ‚solum‘ nicht stehet, und hätte mich solches die Papisten nicht brauchen lehren. Wahr ist´s: Diese vier Buchstaben ‘s-o-l-a‘ stehen nicht drinnen, welche Buchstaben die Eselsköpf ansehen wie die Kühe ein neu Tor. Sehen aber nicht, daß es gleichwohl dem Sinn des Textes entspricht, und wenn man‘s will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehöret es hinein, denn ich habe deutsch, nicht lateinisch, noch griechisch reden wollen….“.
Liebe Gemeinde,
wenn in Deutschland der Bundestag erklärt hat, dass das Reformationsjubiläum nicht nur von kirchlicher, sondern auch von staatlicher Bedeutung ist, dann liegt das auch an Luthers Sprachkraft. Seine Übersetzung der Bibel in die Deutsche Sprache war nicht die erste, das betonen Kritiker des Reformationsjubiläums gern. Aber es war eine, die die Menschen mitgerissen hat, seine Bibelübersetzung wurde sofort zum Bestseller.
Ja, das können wir feiern 2017: Es gab eine Befreiung vom Zwang, an die Kirche Zu zahlen für die eigenen Sünden. Und es gab einen enormen Bildungsschub, denn Luther forderte, dass jeder Junge – und jedes Mädchen! – lesen und schreiben lernen könnten, damit sie selbst ihr Gewissen an der Bibel schärfen könnten. Eigenständig sollte der Glaube sein, nicht durch Dogma, Vorgaben von Oben geprägt. Das ist gerade heute wichtig, wenn wieder Fundamentalismus um sich greift. Denn Freiheit von Fragen und Denken mag Fundamentalismus nicht. Frei soll der Glaube sein. Das bleibt sehr evangelisch. Du darfst selbst denken.
Und angstfrei soll er sein, der Glaube. Für mich persönlich ist Luthers Entdeckung des gnädigen Gottes so wunderbar in einer kleinen Geschichte beschrieben: „Ein Pfarrer hat einen Apfelbaum, der herrliche Äpfel trägt. Aber die Kinder des Dorfes stehlen ständig die schönsten Exemplare. Im Zorn rammt der Pfarrer – ob reformiert oder lutherisch spielt keine Rolle – ein Schild in den Boden: „Gott sieht alles!“ Das ist der Angstgott, vor dem Luther sich fürchtet. Aber die Kinder sind schon reformatorisch gebildet, denn sie schreiben darunter: „Aber Gott petzt nicht!“
Das heißt: Ich kann mich Gott anvertrauen in meinem Glauben. Gott will mich nicht strafen, sucht nicht meine Sünden, sondern will ja, dass mein Leben gelingt, ich diese begrenzte Zeit, die ich habe, in Fülle leben kann. „Allein aus Glauben“ – das ist befreiend, weil mir klar werden kann: Nichts, was ich leiste, schaffe, wird mein Leben am Ende rechtfertigen. Es ist schon gerechtfertigt, weil Gott mich ins Leben rief. Wenn ich das im Glauben sehe, erfahre, dann macht mein Leben Sinn – allein aus Glauben.
Und ja, der Glaube wird immer wieder angefochten sein. Wir werden fragen stellen: Wie kann Gott das zulassen? Die Freiheit unserer Religion ist: Wir dürfen Fragen stellen, selbst an Gott! Auf diese tiefe Frage nach dem Leid in unserer Welt haben wir nur die Antwort: Gott kennt dieses Leid. Wir können nur immer wieder versuchen, Gottes Allmacht und Gottes Ohnmacht zusammen zu denken.
Hauptsache gesund – alles wird gut. Das sind gute Wünsche, die aber sehr oft mit der Realität des Lebens nichts zu tun haben. Die Wahrheit im Leben ist, dass wir alle krank werden, wie der Sohn dieses Hauptmanns, immer wieder und eines Tages unheilbar. Und die Wahrheit ist auch, dass nicht immer alles gut wird. Manchmal ist es hilfreich, das einzugestehen und auszusprechen. Es kann eine Befreiung sein, das Unausweichliche nicht zu verdrängen, zu verschweigen, sondern nach Worten dafür zu suchen.
Viele Menschen verzweifeln dann an ihrem Leben. Wozu soll ich leben? Wie kann ich an Gott glauben, wenn es mir so schlecht ergeht? Oder ist alles nur Zufall: Du wirst geboren, Du lebst, Du stirbst – was ändert das angesichts von acht Milliarden Menschen auf der Welt? Im Grunde sind wir alle mit unserem kleinen Leben doch sehr unbedeutend. Manche finden mit einem solchen Blick eine große Distanz zu Leid, Unrecht und Sterben. Sie fragen sich nicht, warum ich?, sondern: warum ich eigentlich nicht? Und finden so den Mut, mit Leid, Erschütterung und Verunsicherung im Leben umzugehen. Andere verzweifeln daran, werden depressiv, ziehen sich völlig zurück oder nehmen sich gar das Leben.
Andere, die das Leid anrührt, wissen nicht, was sie sagen sollen. Sie sind erschüttert und finden keine Worte, die angemessen Betroffenheit und Mitgefühl ausdrücken könnten. Und wenn sie trösten wollen, erscheint es manchen wie billiger Trost. Wie können wir Leid erklären? Wie können wir mit dem Schmerz anderer, mit ihrer Verzweiflung am Leben umgehen? Es gibt viel Versagen bei uns mit Blick darauf, über Leid zu sprechen. Es wird gern weggebügelt mit diesem „wird schon wieder“. Sie zusammen zu setzen, darüber zu sprechen, was es bedeutet, wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere, wenn meine große Liebe sich abgewendet hat, vielleicht zusammen zu weinen über verlorenes Glück, das ist selten. Denn das braucht Zeit und Zärtlichkeit, Mut zur Nähe, das Wagnis, Gefühlen und Emotionen Raum zu geben.
Heute brauchen wir dieses Wagnis mit Blick auf die Flüchtlinge, die zu uns, in unsere oft so gesättigte Wohlstandsgesellschaft in Westeuropa kommen. Zeit zum Zuhören, für das Willkommenheißen, für die mühsamen Wege mit den Behörden und die langen Wege zu Integration…
In ihrer Lebensangst haben früher die meisten Menschen Halt im Glauben gefunden. Heute fragen viele Menschen in unseren Breitengraden nicht mehr nach Gott. Was Menschen aber auch heute suchen, ist Sinn für ihr Leben, sie suchen nach Anerkennung und Würdigung. Psychische Erkrankungen nehmen ständig zu in unserer Gesellschaft, vor allem Depression. Sie trauen sich kaum, darüber zu sprechen. Sie selbst empfinden sich in einer dunklen Höhle, aus der sie nicht heraus finden, fast wie Luther damals in seinem Ringen um Gott. Die Gesellschaft begegnet ihnen mit einem verständnislosen „Reiß dich zusammen“ oder einem hilflosen „Wird schon wieder“. Die Angst aber, die Menschen in einer Depression erleben, können andere kaum nachvollziehen.
Aber viele kennen eine Grundangst Wir leben in einer enormen Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Als ich mit Studierenden im Seminar darüber gesprochen habe, wurde das Gespräch sehr schnell tiefgründig. Sie sprachen von der Angst, „es nicht zu schaffen“. Fast alle jobbten neben dem Studium, um ihren Unterhalt zu verdienen. Da war die Angst, im Studium zu langsam zu sein durch die Doppelbelastung, oder nicht die geforderten Notendurchschnitte zu schaffen. Und dann die Angst, ob nach dem Studium ein Beruf zu finden ist, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Die Freude in unseren Landen ist nicht so weit verbreitet, wie uns die Werbung weismachen will. Nicht nur in den großen Dramen des Lebens, sondern mitten im Alltag gibt es Leid, Verzweiflung und Fragen an das Leben. Aber das ist doch auch aktuell eine befreiende Nachricht: Dein Leben ist schon gerechtfertigt, hab keine Angst! Ich muss mich gar nicht als überlegen, großartig, durchsetzungsfähig beweisen – mein Leben macht schon längst Sinn. Und auch wenn ich nicht mithalten kann, weil ich zu dick bin für die Anerkennungswelten des Schönheitswahns, weil ich zu wenig verdiene, um mir angesagte Kleidung oder Clubs leisten zu können – mein Leben hat schon längst Anerkennung, weil Gott Ja sagt zu diesem Leben. Ich habe eine eigene Würde aus meinem Glauben heraus. Wer das erleben darf, spürt, glauben kann, wird auch die Tiefschläge des Lebens anders werten.
„Ich glaube – hilf meinem Unglauben“ – für mich zeigt das die Spannung jedes Christenmenschen. Wir wollen glauben, aber Glaube ist keine Leistung, sondern ein Geschenk. Und das können wir erfahren, wenn wir uns einüben in eine Alltagspraxis des Glaubens. Die muss nicht spektakulär sein. Luther sagt, es genügt, einmal am Tag das Vaterunser beten und am Ende ein kräftiges Amen gegen allen Zweifel. Das nenne ich spirituellen Pragmatismus.
Ach ja, nun bin ich gespannt, was der Reformierte zum Glauben und zum Zweifeln sagt. Ihr seid da ja oft etwas karger als wir Lutheraner. Wir mögen ja auch die Farben und die Sinnlichkeit und die Bilder. Aber toll doch, dass wir uns angenähert haben und uns seit 1973 gegenseitig anerkennen – das hätten Luther uns Zwingli nun wirklich schon in Marburg 1529 schaffen können, finde ich. Das wir heute aber soweit sind und auch miteinander Abendmahl feiern können, diese fast himmlische Musik uns gemeinsam begleiten kann, auch das ist ein Grund, 2017 gemeinsam zu feiern. Nein, liebe Reformierte, Calvin ist für uns Lutheraner nicht dir Vorspeise, Zwingli das Dessert und Luther das Hauptgericht, sondern wir wollen schon gern gemeinsam diese große Erneuerung feiern, die das 16. Jahrhundert insgesamt hervor gebracht hat. Und das können wir heute international und im ökumenischen Horizont. Ich freu mich drauf! Amen. (Margot Kässmann)
Liebe Gemeinde, liebe Lutheranerin und Botschafterin Margot Kässmann!
Nein, Zwingli ist nicht das Dessert, in der Tat nicht! Denn eine Wurst, so ein richtiger Schüblig, mit Senf und Bürli nota bene, isst man in Zürich zum Hauptgang, ohne Vor- und Nachspeise. Das ist heute so, das war früher so, auch am 23. März 1523 zur Fastenzeit in der Stube von Christoffel Froschauer, Buchdrucker auch reformatorischer Schriften hier in Zürich. Seine Freunde assen mit Freuden und fasteten nicht mit Verdruss. Huldrich Zwingli war Froschauers Freund, er war auch da, er ass wohl nicht mit, um politisch keine Flanke zu öffnen. Doch essen mochte er als Sohn eines Toggenburger Gemeindeammanns, und wie! Musizieren konnte er 10 Instrumente, der Sinnlichkeit des Lebens war er nicht abholt, der Zwingli, den die Zwinglianer bis heute oft nicht nur etwas, sondern viel karger darstellen wollen als er war. Und wer möchte staunen, dass er 14 Tage nach diesem Essen hier im Grossmünster von Erkiesen und der Freiheit der Speisen predigte: „Lehrt es dich der Geist deines Glaubens, so faste; gönne es aber deinem Nächsten, dass er von der christlichen Freiheit Gebrauch mache.“ Der Geist des Glaubens unseres Vaters in Caesarea Philipp (Mk 8,27) lehrt, Glaube gibt es nicht ohne Unglaube, genauso wie es in Zürich Schüblig oder noch besser, Bratwurst nicht gibt ohne Senf.
Nun gilt es für uns Reformierte nicht, den eigenen Senf zum Glauben und zum Zweifel hinzuzufügen. Weiss Gott nicht! Sondern mit Blick auf die Bibel wollen wir Einsicht gewinnen in das, was Gott heute mir und uns zu sagen hat. Im Vorfeld des Streites mit Martin Luther über das rechte Verständnis des Abendmahles schrieb Zwingli mit dem ihm eigenen Humor: „Wir sind ein Leib, Christus ist das Haupt, ein anderes Auge ist Luther.“
Mit meinem eigenen Auge möchte ich gemeinsam mit dem von Dir, Margot, grossartig gezeichneten Blick aus Luthers Sicht die grosse Erneuerung in unseren Kirchen feiern. Ich tue dies heute Morgen mit dem Auge eines Zürchers, der, reformiert im reformierten Zürich aufgewachsen, heute in der Stadt glaubt nun als konfessionelle Minderheit inmitten eines Festivals von Religionen. Zürich glaubt! Hilf der Stadt Unglauben!?
Was steckt hinter dem Unglauben? Luthers Auge hat uns zur Angst vor der Enttäuschung geführt: Diese unheimliche Angst, dass niemand da ist, der hilft. Für den Unglauben spricht das Wissen um all die Not in dieser Welt. Vertrauen und Angst – das sind die beiden Pole, um die es hier geht. Zwischen beiden schwingt unser Leben hin und her, unendlich viel und unendlich heftig. Beides spüren wir mit grosser Intensität: Vertrauen setzt ungeahnte Kräfte frei, Misstrauen bindet nur zu viele Kräfte. Wo einmal dieser Teufelskreis begonnen hat, wo statt Vertrauen Misstrauen, dann Kontrolle und Überwachung begonnen haben, ersticken die kreativen und inspirierenden Kräfte immer mehr. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. So kann nur reden, wer nichts von der Kraft des Vertrauens versteht.
Aber, liebe Gemeinde, da gibt es ein tiefes und schweres Aber. Was ist, wenn das Vertrauen missbraucht oder verletzt wird? Vertrauen nur etwas für Gutmenschen, für Spinner, aber nicht für Leute, die auf dem Boden stehen? Wer die Welt regieren will, wer die Kirche reformieren will und wer Verantwortung trägt, kommt nicht umhin, an dieses Aber zu denken.
Huldrich Zwingli und Konrad Grebel, der Mitbegründer der Täufer, waren Freunde, vertrauten einander, lasen miteinander die Bibel und erkannten den Teufelskreis des Misstrauens in der Kirche. Gemeinsam waren sie in der zweiten Disputation im Oktober 1523, wo Zwingli versuchte, bei der Bilder- und Abendmahlsfrage die Wogen zu glätten. Auch wenn er persönlich anderer Meinung war, vertraute er dem Rat, der nicht bei den Inhalten, sondern bei der Umsetzung in Distanz zu den Radikalen ging und die Reformen blockierte.
Es kam zum Eklat: Konrad Grebel prangerte Zwingli öffentlich an. Er verlangte die Festlegung eines Fahrplanes für die Einführung des Abendmahles. Der Rat entschied sich dagegen. Sie wollten diejenigen schonen, die noch Zeit für die Neuorientierung brauchten. Und sie nahmen Rücksicht auf die politische Grosswetterlage im europäischen Umfeld, das argwöhnisch auf die Erneuerungen in Zürich äugte und dies durch Mandate, Briefe und Gesandte auch kundtat. Abgründe taten sich zwischen den Freunden auf: Zwingli zelebrierte mit anderen Pfarrern aufgrund der vorsichtigen politischen Hinhaltetaktik des Rates noch mehr als ein Jahr in Messgewändern die römische Messe unter Wegfall des Opferteils in lateinischer Sprache bis Ostern 1525. Aus verletzter Freundschaft entstand je länger je mehr Unverständnis und Misstrauen.
Der Glaube allein war die Kraft, die Zwingli gegen die Autorität der Kirche rebellieren liess und den Gebrauch der christlichen Freiheit zu schützen versuchte. Zwinglis Misstrauen gegenüber Konrad Grebel und seine täuferischen Freunde verband sich mit der Devise der Obrigkeit: Kontrolle bis zum Letzten. Verfolgung, Hetze und Verurteilung zum Tod war die logische Folge für Staat und der Obrigkeit. Die Obrigkeit verurteilte Felix Manz als ersten Täufer 1527 zum Tod, nicht Zwingli. Zwingli argumentierte theologisch differenziert und durchaus kritisch, dachte und lebte jedoch als Kind seiner Zeit.
Ich kehre zum Schluss zum Vater in biblischer Zeit zurück. Aus irgendeinem Grund hat er Vertrauen zu Jesus gefasst. Mit all seiner Angst, mit allseinem Unglauben und Misstrauen kommt er zu diesem Meister. Dass er kommt, ist nichts anderes als ein Zeichen des Vertrauens. Im Vertrauen legt er seinen Unglauben hin. Vertrauensvoll benennt er seine Angst; genau das ist sein Glaube. Wenn das gelänge: Um die Angst noch einmal in den Raum des Vertrauens ziehen, die Angst Gott hinzulegen, dann wäre die Angst nicht der Gegensatz des Glaubens, sondern Bekenntnis des Glaubens. Glaube und Unglaube sind angstfrei zu leben. Der vertrauensvoll eingestandene Unglaube ist ein Teil des Glaubens selber geworden.
Vertrauen setzt ungeahnte Kräfte frei, sagte ich. Nicht bloss bei dem, der vertraut, sondern auch bei dem, dem Vertrauen geschenkt wird. Wir lassen uns nicht ausreden, dass Gott unser Vertrauen verdient. Und wir glauben zu spüren, dass er uns Vertrauen schenkt, nicht bloss Vertrauen, sondern auch eine Wohltat.
Wie anders sollte ich die Tränen verstehen vom Urururenkel jenes Hans Landis, der 1614 als letzter von sechs Täufer in Zürich hingerichtet wurde, die er 2004 beim Gedenkstein an der Limmat vergossen hat. Der damalige Kirchenratspräsident Ruedi Reich und Stadtrat Robert Neukomm entschuldigten sich für vergangenes Unrecht und setzten das vertrauensvolle Zeichen der Versöhnung als Beginn einer neuen Geschichte zwischen Verfolgte und Verfolger. Alles ist möglich, dem der glaubt? Mit Tränen überströmt – sich gegenseitig umarmend – Welch wohltuender, internationale und ökumenische Horizont neuer Geschichten tut sich auf im Augen-Blick, wo der Glaube allein singt und wirkt: „Der Glaube schaffte der Seele Flügel!“ (Aria aus BWV 37: Wer da gläubet und getauft wird.“) Amen. (Christoph Sigrist)

25.10.15 – Grossmünster, Erntedank
Predigt „DER WILL ICH SINGEN, SO LANG AS I BIN!“ 

Liebe Gemeinde
Der Mensch ist zum Singen geboren! Was zweifelsohne für die Männer aus dem Toggenburg gilt, soll allen gelten, auch solchen, die sich nie trauten, zu singen? Wir können stundenlang darüber diskutieren, wie es sich mit der Begabung des Menschen verhält, zu singen. Was wohl allgemein von allen unterschrieben werden kann, ist: Der Mensch ist nicht zum Schweigen geboren. Was sein Herz bewegt, wird einmal den Weg über die Lippen finden. Wes Herz voll ist, des fliesst der Mund über. Und wenn es nicht fliessen kann, dann staut sich alles im Herz. Herzbaracke, das bekommt ihn nicht. „Es zerfielen meine Gebeine“ –so drückt es der Psalm aus. Es ist dann keine Explosion, sondern eine Implosion, die den Menschen innerlich zerstört. Erntedankfeste können wir auch als Prävention gegenüber solchen zerstörerischen Implosionen verstehen. „Der will ich singe, solang as i bin!“ Sehen Sie und hören Sie, was der Sänger am Tempel singt, solange er ist!
„Ich verstummte“ – Ja, was denn, was habe ich zum Verstummen gebracht? Der Psalm beschreibt es näher, doch wir tun gut daran, es zunächst offen zu lassen. Denn alles, schlechterdings alles, was mein Herz erfüllt und nicht über die Lippen kommt, ist in Gefahr, meine Gebeine zerfallen zu lassen.
Das gilt für das Schöne und Wunderbare, das mir geschenkt ist. Wer kennt nicht dieses Gefühl, dass man zerspringen könnte vor Freude, wenn man nicht über die Lippen bringen kann, was einen erfüllt. Das mag nicht der geringste Grund sein, nicht allein im Alpzimmer seiner Arbeit nachzugehen oder zu zweit durchs Leben zu gehen. Jemand ist da, dem man erzählen, begeistert erzählen kann, was einen bewegt. Erst wenn das Ohr fehlt, das sich zu mir neigt, verschliesst sich immer mehr mein Mund. Die Seele wird taub gegenüber dem Gesang der Vögel, der Mund wird stumm und verschliesst sich gegenüber der Freude. Die Leute beginnen zu tuscheln: „Er isch eige worde!“ Und eigenartig, jeder weiss, wie schwer es werden kann, wenn man niemanden vom dem erzählen kann, was einem geglückt ist.
Niemandem? – Es gibt Herzen, die äussern sich in einem Jauchzen, nicht in einer Rede, in einem Lied, nicht in einer Predigt, in einem Dank, nicht in einer Argumentation. Das wird hinausgesungen und hinausgejohlt: „I lueg i d Berge erwarte Hilf und Roht vo dem, wo d’Erde gschaffe hät und d Welt, so wiit si goht.“ (Psalm 121). Dem Schöpfer entgegen wird gedankt, mit Brot, Blumen, Kartoffel und Bloderchäs, dem Schöpfer, der einen solches erleben lässt, was beglückt. Verstummte man bloss, zerbräche das Herz. Der in Wort, der in Jauchzen gefasste Dank hält meine Gebeine zusammen – so malt es unser Psalmvers, und deshalb feiern wir Erntedank mit Naturjodel und Alphorn. Es ist unser Atem, der Stimmbänder und Alphörner zum Schwingen bringt, und Gott selber hauchte mit seinem Atem Leben in die Welt.
Auch mit Schmerz jedoch kann sich das Herz füllen, mit Trauer, mit Ärger. Da hat manch eine Seele gelernt, es sei richtig, zu schlucken und zu schlucken. Man will ja nicht eine Mimose sein, nicht zu rasch aufbegehren. Also staut sich im Herzen, was das Leben schwer macht. Immer herunterschlucken, in sich hineinfressen, – ach, wir kennen die Folgen: Von Geschwüren sprechen wir dann, die sich im Magen bilden, von Gebeinen, die zerfallen spricht der Psalm, von taub und stumm unsere Geschichte der Lektion (vgl. Mk 7,31-37).
Man kann und man soll nicht immer verschweigen, was einen bedrängt. Glücklich ist, wer da Menschen kennt, mit denen er sprechen kann. Glücklich, wer abladen kann von der Last, die ihm den freien Atem raubt. Wir Jugendliche vom Grossmünster besuchten vor 14 Tagen den evangelischen Gottesdienst in Scicli in Sizilien und besuchten nachher das Haus der Kirchgemeinde, wo Flüchtlinge Obdach gefunden haben. Angesichts der Unmittelbarkeit von Not und Elend, so nahe am Meer zu sein, wo dieses Jahr 3000 Menschen auf der Flucht ertranken und angesichts der Tagen, wo wir in Adelfia, unserem Lagerhaus logierten und die Polizei 1800 Personen vor dem Tod retteten, verstummte manch ein vorlautes Mundwerk. Schweigend hörten wir Saloum aus Gambia zu, der mit 17 Jahren von seiner Flucht auf dem Boot ins „kleine Paradies Italien“ erzählte, unter Tränen bekannte, dass von den 101 Personen, zusammengepfercht in der Nussschale, nur 50 Personen das rettende Ufer erreichten. „God, only God“ sei seine einzige Hoffnung gewesen auf dem Boot. Doch wie beglückend, nach dem Besuch beim rauschenden Meer und unter sternenklarem Himmel zu reden, einfach zu reden, was einem zu Ohnmacht, Wut und Hilflosigkeit treibt.
Irgendwann ist die Zeit da, den Ärger an der Wurzel zu packen und den Verursachenden deutlich zu sagen, was einen bedrückt. Es geht um Menschen, nicht um Zahlen, es geht um politische Lösungen vor Ort dort und am Ort hier, und nicht um Parteipolitik und Instrumentalisierung zum Eigennutz, es geht um Gastfreundschaft und nicht um Abschreckung, es geht um Integration und nicht um Ausschluss. Solches diskutierten die jungen Erwachsenen heftig mit mir in Sizilien mit Blick aufs Meer vor Lampedusa.
Man kann und man soll nicht immer schweigen. Möge solches geschehen, bevor das Herz implodiert. Die Klage wie auch die Anklage sind lebenswichtig. Sie halten mein Gebein zusammen. Und auch da gilt: Wenn ich kein Ohr finde, dem ich klagen und das ich anklagen möchte, dann ist es noch immer besser, ins Leere hinauszuschreien oder hinaus zu seufzen als stillzuhalten. – Ins Leere? Wie beim Dank ist auch bei der Klage Gott gemeint, der mich so Schweres tragen lässt. Und Gott hört auf die Klage der Menschen.
Noch sind wir nicht bei dem, was der Psalm meint, wenn er vom Verstummen spricht. Er malt es aus, wie das Gebein zerfällt: „verdorrt war meine Lebenskraft in der Sommerglut.“ (32,4). Endlich, endlich wurde die Zunge gelöst beim Sänger am Tempel, und es war wohl, wie wenn ein erlösender Regen die tödliche Hitze vertrieb. Was war es, was über seine Lippen kam? „Meine Sünde habe ich Dir gestanden, und mein Schuld nicht verborgen.“ (32,5).
Ach ja, auch das kann das Herz zu Zerspringen bringen, wenn eine eigene Schuld es bedrückt. Wie ein Kloss kann es sein, ein Gewicht, das lähmt, das taub macht für lösende Klänge, stumm macht für erlösende Worte: Du stärsch üs, wenn mer zwiifled, losch üs nöd elei.“ (Psalm 146, Peter Roth). Die Schuld frisst im Innern, kommt nicht zur Ruhe, da zerfällt mehr als das gute Gewissen, „es zerfielen meine Gebeine.“
Ist es so schwer, dass auch eine Schuld einmal über die Lippen kommt? Gewiss, das macht mich verletzlich – nein, es zeigt bloss, dass ich schon längst verletzlich war. Ich stehe ungeschützt da, nackt und bloss, mit Scham beladen. Ist es so schwer, um Verzeihung zu bitten, eine Schuld einzugestehen? – Hier die Früchte der Ernte beim Taufstein, dort die Tonnen der weggeworfenen Tomaten, Aprikosen, Brote auf der Müllhalde. Und da der hungernde Mensch, der jetzt gerade in dem Augenblick stirbt, verdorrt seine Lebenskraft in der Sommerglut…
Weg mit den Bildern von Hunger und Abfall! Sie stören in unserer Andacht, bei unseren Erntedank! Künstler sind wir im Verdrängen, und wir wissen doch, dass gestaute Schuld nur eine innere Überschwemmung verursacht. Verdrängung ersäuft alle Vitalität jämmerlich!
Wenn endlich das Eingeständnis der Schuld über meine Lippen kommt, dann spüre ich, wie ich mein Gebein zusammen halten beginne. Der Blick wird frei, die Last tragbar, die Zunge löst sich, das Ohr wird hellhörig. Glücklich der Mensch, der Vergebung empfängt! Er kann richtig reden! (vgl. Markus 7,35). Er taucht auf! Er hat wieder Boden unter den Füssen.
Und noch einmal kann es sein, dass ich nicht die richtigen Worte den Menschen gegenüber finde oder dass niemand da ist, der meinen Worten Gehör verleiht. Gott ist immer da, und er versteht sich auf mein Seufzen. Mancher konnte erst dann gegenüber den Menschen richtig von seiner Schuld reden, wenn er zuvor vor Gott mit richtigen Worte sie eingestanden hat.
Wenn unser Glaube uns etwas lehrt, dann doch dies: dass Christus sich dessen annimmt, was an Schuld über unsre Lippen kommt. Er legt seine Finger an mein Ohr und berührt meine Lippen mit seinem Speichel. Durch seine Berührung spricht mich Gott an. Die Frucht dieser Berührung ist, dass ich richtig reden kann. Und eine Frucht solchen Redens ist der Dank – Erntedank.
„Ich verstummte, es zerfielen meine Gebeine“ – dreifach habe ich den Vers ausgelegt, von der Freude habe ich gesprochen, vom Schmerz und von der Schuld. Bei einem mag dies, bei anderen das als Frucht der persönlichen Jahresernte vor Augen stehen. Drei Gedanken seien noch angefügt:
Gibt es denn Worte, die über die Lippen kommen, die weit mehr sind als ein Lippenbekenntnis? Gewiss gibt es sie, es sind Worte, die Welt erschaffen, Leben schöpfen. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht! (1. Mose 1,3). Es sind Worte, die in aller Verstrickung von Schuld es schaffen, zu arbeiten: „Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“ (1. Mose 3,19). Es sind Worte, die in aller Scham Kleidung und damit auch Wohnraum schaffen: „Und Gott machte dem Menschen und seiner Frau Röcke aus Fell“ (1. Mose 3,21). Worte schaffen Welt, Sprachwelt, Arbeitswelt, Wohnwelt.
Das erlebt im Moment unsere syrisch-kurdische Familie, indem sie unter Mithilfe von Freiwilligen und dem Solidaritätsnetz Zürich intensiv den Sprachunterricht besuchen. Jede Woche wird ihre Welt grösser, mit jedem Wort Deutsch öffnet sich ihnen ein neuer Raum, wo es ihnen plötzlich gelingt, zu hören, zu sprechen, zu sehen. Eine nachhaltige Wohnung ist in Sicht. Und eine erste Firma in Zürich wird in Zusammenarbeit mit uns von der Kirchgemeinde in den nächste Wochen Arbeitseinsätze schaffen für solche jungen Männer und Frauen aus Syrien, Nordirak, Eritrea und Afghanistan, die aus humanitären Gründen und nicht – wie gesetzlich bezeichnet – nur „vorläufig“ als Flüchtlinge anerkannt sind. Effata! Tu dich auf! (Markus 7,34). Worte, die aus der Tiefe des Herzens, dort also, wo Gott spricht, über die Lippen kommen, erschaffen Welt. Das ist der eine Gedanke.
Pfr. Christoph Sigrist
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24.10.15 – Kirchenraum Grossmünster als Ort, der Ohnmacht Ausdruck zu geben.
Navid Kermani’s Schluss seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandelns in der Paulskirche in Frankfurt gibt diese Woche zu reden in allen Kanälen und in vielen Sälen und Stuben. In seiner für den Dialog zwischen den Religionen tiefgründigen und weiterführenden Rede sprach er über Syrien, über das von der Gewalt der IS bedrohten Klosters Mar Elian am Rande der Kleinstadt Qaryatein und jene Jesuiten, die unter widrigsten Bedingungen sich für muslimische Männer, Frauen und Kinder einsetzen und über Muslime, die sich für die Christen Kopf und Kragen riskieren. Der Schluss seiner Rede hat es in sich: „Ein Friedenspreisträger soll nicht zum Krieg aufrufen. Doch darf er zum Gebet aufrufen… Ich möchte Sie bitten, zum Schluss meiner Rede nicht zu applaudieren, sondern für Pater Paolo und die zweihundert entführten Christen von Qaryatein zu beten…. Und wenn Sie nicht religiös sind, dann seien Sie doch mit Ihren Wünschen bei den Entführten… Was sind denn Gebet anderes als Wünsche, die an Gott gerichtet sind?“ Eine grosse Debatte hat Kermani mit diesem Schluss offengelegt, die in der Kritik von Johann Schloemann in der SZ vom 20. Oktober gipfelt, dieser Aufruf sei ein „unerträglicher Übergriff“. Auch wenn es menschenfreundlich gemeint sei, mit diesem Aufruf zum öffentlichen Gebet stehe man in der Gefahr, „jener Beschwörung einer politischen Theologie (sich, erg. CS) anzugleichen, die er dem radikalen Islam als Übergriff vorwirft.“
Ich erlebe im öffentlichen Raum grosse Ohnmacht und Hoffnungslosigkeiten bezüglich der Gewalt in Syrien, mit der Tempel geschleift, Kulturgüter gesprengt, Kirchen und Moscheen zum Brennen gebracht, Männer enthauptet und Frauen vergewaltigt werden. Ich erfahre, dass Menschen in ihrer Ohnmacht in Kirchen wie das Grossmünster gehen, um im Gebetsbuch still für sich und doch öffentlich für jeden diese Ohnmacht niederzuschreiben, in Form von Wünschen und in Form von Gebeten. Es sind Ausdrücke von Solidarität und Nähe zur Verletzbarkeit und Gewaltzufügung, in den Menschen in Syrien, Nordirak, Afghanistan und Eritrea, Somalia und Gambia leben.
Kirchenraum sind öffentliche Zeichen von Religion und öffentliche Orte in der Stadt, in denen Menschen Sprache für ihre Sprachlosigkeit finden, in welcher religiösen Tradition sie auch leben. Deshalb verwandelt sich der Kirchenraum Grossmünster als Ort der Schweizerischen Reformation und der Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula zum Raum öffentlicher Klage und Gebet, in dem zu Gott, zu Allah, zu Adonaj, zu Vishnu gebetet wird, und auch Zeit für die für sich selber bezeichnete „atheistische“ persönliche Spiritualität genommen wird.
Sakralräume als Horte des zu heilenden verletzlichen Lebens, Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempel sollen nicht zum Krieg aufrufen. Doch dürfen Sie zum Gebet einladen. Kirchenräume als einladende Orte, der Ohnmacht Ausdruck zu geben.


11.10.15  – Besuch des Jugendtreffs Grossmünster im casa delle cultura, Scicli

Wenn Flüchtlingszahlen ein Gesicht bekommen…
Ein aktueller Report aus Sizilien
Der Anlass
17 Jugendliche vom Jugendtreff Grossmünster besuchten im Rahmen ihres Lagers den Gottesdienst der evangelischen Gemeinde in Scicli, mit der das Grossmünster eine jahrzehntelange Partnerschaft und Freundschaft pflegt. Der Holzkelch und der hölzerne Abendmahlteller aus dem Grossmünster zeugen von dieser engen Verbindung. Francesco, einer von 4 Pfarrerinnen und Pfarrern der Waldensischen Kirche in Sizilien, predigte über Mk 2,1-12 und wusste sich vom Himmel beschenkt, dass zur Überraschung aller anwesenden ca. 20 Gottesdienstbesuchende noch so viele Jugendliche ihm zuhörten. Wir überbrachten Grüsse von der Kirchgemeinde Grossmünster und zeigten uns durch ihr Engagement, Flüchtlinge zu beherbergen, ermutigt, selber weiter bei der Integration vor Ort in der Helferei und in Zürich zu arbeiten.
Nach dem Gottesdienst führte uns Giovanella Scifo, Mitglied der Gemeinde, zum Haus der Kulturen. Sie leitet das von der evangelischen Kirche Italiens lancierte Projekt zusammen mit Freiwilligen. Im Moment leben auf drei Etagen 40 Flüchtlinge, meist unter 18 Jahren. Sie landen 10 Minuten von Scicli mit ihren Booten an der Küste und kommen nach 1-3 Tagen ins Haus. Das Projekt versucht, auch vor Ort in Marocco humanitäre Hilfe zu leisten, um den lebensgefährlichen Weg übers Meer zu unterbinden. Die Verantwortlichen versuchen den gleichen Integrationsprozess bei den jungen Männern und Frauen anzustossen wie in der Schweiz: Sprache, Arbeit und Wohnraum. Francesco, der Pfarrer, stösst nach dem Interview mit einem Lokalradio zu uns, Migranten waren auch im Gottesdienst zu Besuch.
Die Begegnung
Auf unser Drängen hin erklärt sich Saloum da Grenius bereit, seine Fluchtgeschichte uns zu erzählen.
Er lebte in Gambia, zusammen mit den Eltern und Geschwistern. Ausgangspunkt der Flucht ist die Jasmin-Revolution in Libyen. Viele seiner Kollegen versuchen seit 4 Jahren, tatkräftig am Aufbau der Demokratie mitzuhelfen. Sie verdienen etwas Geld und schicken dies zurück nach Gambia zur Familie. Saloum möchte dies auch tun, da er keine Perspektive in seinem Land sieht. Er möchte arbeiten und so seine Eltern unterstützen. Er begibt sich auf die Flucht.
Auf seinem Weg nach Libyen wird er an den Grenzen zu Burkina Faso von korrupten Zöllnern aufgehalten. Er muss Geld zahlen. Weil er kein Geld hatte, versuchen die Zöllner, den Wert seiner Kleider zu errechnen. Wenn dies nicht dem erwarteten Betrag entspricht, wird er verschlagen. Er flieht weiter und gerät in die Wüste, in der er 5 Tage im Kampf ums Überleben verbringt. Diese Zeit ist für ihn das Schlimmste. „Kahles Land, keine Häuser, kein Wasser, kein Essen. Wenn alles ausgeht, gibt es nichts. Schlafen müssen wir auf den Boden. Beim Sandsturm hoffen wir einfach, dass wir überleben. In Libyen arbeite ich als Tagelöhner in Fabriken. Bezahlt werde ich nur selten. Ich werde bedroht, wenn ich das Geld verlangt habe, auch mit Pistolen. Weil ich Ausländer bin, muss ich mich immer im Gruppen bewegen, ich werde mehrmals überfallen. Ich möchte heim, doch weil der Weg so schlimm ist, getraue ich mich nicht, wieder zurückzukehren.“ Da entscheidet er, über das Meer zu fliehen und in Italien Arbeit zu suchen. „Denn Italien ist für uns, wie Europa, ein kleines Paradies.“
Die Flucht auf dem Boot
Dramatisch erzählt er von den drei Tagen auf dem Boot: „Ich wusste, sterben muss ich sowieso, wenn nicht auf dem Boot, dann hier in Libyen. Ich hatte keine Wahl. Ich bekam ein ganz kleines Boot. Wir waren 101 Personen auf dem Boot. Ein paar Kilometer ausserhalb von Libyen war der Wellengang sehr gross. Wir sahen libysche offizielle Polizisten. Sie wollten uns stoppen. Deshalb sprangen oder flogen viele von uns über den Rand des Bootes, in der Meinung, dass sie das Ufer noch erreichen konnten. Wir alle hatten Angst, viele konnten nicht schwimmen. Als wir am Ufer von Sizilien gerettet wurden, waren wir noch 51 Männer auf dem Boot.“
Er kann sich im Moment nicht vorstellen, dass er zurückkehren wird. Er stellt sich auf ein Leben hier ein. Er möchte eigentlich zurück, kann jedoch irgendwie auch nicht. Seine Eltern und Geschwistern wissen seit ein paar Wochen, dass er in Scicli ist. Sie sind sehr froh, dass er überlebt hat.
Neben Saloum setzt sich ein kleiner Bube. Abraham heisst er, ist 13 Jahre alt. Er kann weder Italienisch noch Englisch. Sein Bruder lebt im Appenzell in einem Heim. Er wird in ein paar Tagen oder Wochen zu ihm ziehen können. Die Verhandlungen laufen intensiv. Er hätte nichts erzählen können. Seine Augen waren voller Angst, voller Trauer. Ausser Trauer hatte es nichts in diesen Augen.
Die Reaktion der Jugendlichen
Saloum wischt sich die Tränen vom den Wangen. Wir erahnen, dass es ihm sehr nahe geht, von sich zu erzählen. Am Ende des Gespräches fragt er die Jugendlichen, was diese Begegnung für sie bedeutet. Die Jugendlichen erzählten: „Ich habe zum ersten Mal real und authentisch von den Bootsflüchtlingen gehört. Und als er sagte, er sei 17 Jahre alt, dann wurde es noch realer. Ich erfahre zum ersten Mal live, dass eine Flucht möglich ist und auch Rettung möglich geworden ist. Das gibt mir Mut, zu helfen.“
Wir gingen hinaus aus der casa delle culture. Die Jugendlichen diskutierten vor der Tür auf der Strasse intensiv. „Weisst Du, wir sind so verwöhnt, wir werden geboren, uns wird jedes Luxusgut nachgeworfen, wir haben keine Ahnung, was das heisst, im Leben Hunger zu haben, Not zu verspüren. Wenn ich die Diskussionen im Fernsehen sehe, in welchen gegen Flüchtlinge gehetzt wird, sie alle in einen Topf geschmissen werden und sie für Eigeninteresse instrumentalisiert werden, weiss ich jetzt nach dieser Begegnung, dass man helfen muss, und zwar jetzt, nicht erst vierhundert Jahre diskutieren. Und vor allem sollte man diejenigen, die helfen, nicht diffamieren. Jeder kann helfen, auch mit ganz kleinen Sachen. Das gesamte Europa ist jetzt gefragt. Die Schweiz ist Teil von Europa. Diese Flüchtlinge können nichts dafür, dass sie in Gambia geboren wurden. Schliesslich sind alle gleich und alle haben das gleiche Recht auf Unterstützung, unabhängig von Religion und Kultur. Sie wollen ja arbeiten. Sie kommen ja nicht, um Krawalle zu machen oder Probleme zu generieren. Saloum würde sich bemühen, Arbeit zu finden. Wenn sie als Wirtschafsflüchtling verrufen werden, dann – so what, sie wollen arbeiten, sind motivierter als manch einheimischer Jugendlicher und möchten damit auch die Familie daheim unterstützen. Wenn Kirchen das tun und helfen, finde ich das sehr gut, weil sie als Institution losgelöst von der Politik am meisten Wirkkraft haben. Natürlich ist die Kirche nicht mehr so präsent wie früher. Doch die Kirche besitzt nach wie vor in sich den Anspruch, sich so zu verhalten, nämlich zu helfen. Wenn auf der Kanzel von der Nächstenliebe gepredigt wird, und im Alltag wird nicht das umgesetzt, dann leidet die Glaubwürdigkeit in zentralen Punkten. Deshalb finde ich es anmassend, wenn Personen Pfarrer und Verantwortliche als Gutmenschen angreifen.“
Konsequenz
Kirchen tragen in sich das Gedächtnis, das Flucht und Glaube immer schon zusammengehört haben und deshalb Solidarität und Engagement gegenüber Flüchtlingen konstitutiv zum Leben der Kirchgemeinden gehören. Dazu kommt, dass diese Erinnerung immer wieder durch die Begegnung mit dem Anderen wachgerufen wird. Im Gesicht des Anderen, der aus dem Boot steigt, spiegelt sich der Anspruch, sich von der Not, die sich ins Gesicht zeichnet, treffen zu lassen und nicht den Rücken zu kehren. Für Glaubende konstitutiv ist das Bekenntnis, dass im Fremden bisweilen das Gesicht des Auferstandenen aufscheint. „ich war fremd, und ihr habt mich besucht…“
Kirchen tragen in sich das Gewissen der Stadt oder des Landes, dass politische und kirchliche Verantwortung und Entscheidungsfindung auf die Begegnung von Gesicht zu Gesicht angewiesen sind. In der konkreten Begegnung, in der man sich vom Anderen mit seiner Geschichte treffen lässt, wurzeln politische Entscheide und Weichenstellungen. Kirchen sind Räume solcher Begegnungen.
Kirchen schreiben gute Hoffnungsgeschichten ins alltägliche Leben. Mit solchen Geschichten bauen Kirchen an den Häusern der Kulturen, mit solchen Begegnungen schreiben sie Kapitel um Kapitel an der einen, Grenzen, Völker und Länder übergreifenden Kulturgeschichte des Sorgetragens für- und miteinander.
Pfr. Christoph Sigrist
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17.09.15 – BOTSCHAFT DER REFORMATION: SOLA FIDE – ALLEIN DER GLAUBE

Jedes Jahr feiern wir in der Schweiz am ersten Sonntag nach dem 31. Oktober den Reformationssonntag. Wie erinnern uns an diesem Sonntag mehr als sonst an die positive Bedeutung der reformatorischen Tradition für unseren Glauben und unsere Kirche. Warum am ersten Sonntag im November? Die umstrittene Tradition hält fest, dass am 31. Oktober Martin Luther eigenhändig seine 95 Thesen gegen die Missbräuche der Kirche an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen hat. So verbindet sich unsere schweizerische reformierte Erinnerungskultur mit der deutschen Tradition zur Botschaft, dem Glauben allein Raum in Kirche und Gesellschaft zu verschaffen.  Glaube, verstanden als unbedingtes Vertrauen, dass unser Leben sinnvoll ist; Glaube, bezeugt als Vertrauen zu Gott, der das Nichts ins Sein ruft und es immer wieder zum Guten führt.
Gemeinsam Räume des Glaubens in pluraler Gesellschaft riskieren – so kann man die Botschaft der Reformation auch verstehen, die Deutschland und die Schweiz in diesem Jahr auf den 1. November hin in besondere Weise zusammenführt. Einerseits fällt der Reformationssonntag mit dem Tag von Allerheiligen zusammen und weist darauf hin, dass reformiertes Erinnern nur im Kontext anderer Konfessionen und Religionen geschieht. Anderseits fällt der Schatten der Feierlichkeiten von 500 Jahre Reformation schon in dieses Jahr.
Deshalb ist Prof. Dr. Margot Kässmann, Botschafterin der Reformationsfeierlichkeiten in Deutschland, zu Gast an diesem Morgen und wird im Dialog mit Pfr. Christoph Sigrist, seines Zeichens Botschafter der Zürcherischen Reformation, predigen zur Frage, was denn Glauben, christlich begründet, heute heissen kann.
Eingebunden in die Bach-Kantate “Wer da gläubet und getauft ist” wird sich Margot Kässmann auf Huldrich Zwingli und Christoph Sigrist auf Martin Luther beziehen.
Welche positive Bedeutung hat die Tradition für den Glauben? Denken wir an Huldrich Zwingli, der von Kindesbeinen an die wohltuende Wirkung von Klängen und Naturtönen schätzen lernte. Daher wird im Grossmünster seit Jahrzehnten der traditionelle musikalische Erntedankgottesdienst am letzten Sonntag im Oktober gefeiert, und er zieht jeweils viele Menschen an. Dieses Jahr singt der Jodelklub Säntisgruess aus Unterwasser für uns und wird auch Psalmen des bekannten Komponisten Peter Roth vortragen. So wird die Frage nach dem Glauben allein aus der grossartigen Klangwelt des Alpensteins ertönen.
“Der will ich singe, so lang as i bi! Du häsch mi erschaffe, de Himmel und s Meer. Was lebt uf dere Erde, das chunt alls vo der! Drom setz i mini Hoffnig und s’ Vertraue I Di!” (Psalm 146)

30.08.15 – Hilfe – nur für die Fremden?
Neben unzähligen mutmachenden Reaktionen auf unser Engagement, einer syrisch-kurdischen Flüchtlings-Familie Obhut bei uns am Grossmünster anzubieten, höre ich immer wieder den Vorwurf: „Den Fremden helft ihr, aber uns Schweizer und uns Mitglieder der Kirchgemeinden vergesst ihr.“ Ich nehme diesen Vorwurf ernst, denn Diakonie als helfendes Handeln, aus der biblischen Tradition begründet, im Kontext von Kirchen und Gesellschaft, hat immer den nächsten unabhängig seiner kulturellen Prägung vor Augen. Also den Einheimischen und den Fremden.

Für die Einheimischen engagieren sich die Kirchen schon sehr lange. Konkret heisst das:

  • Am Grossmünster werden alle Obdachlosen, Hilfesuchenden von der Strasse und den Gassen, zusammen mit der Stadtmission, im Cafe Yucca gastfreundlich aufgenommen. Als Teil der Stiftung der Evangelischen Gesellschaft, erhalten sie von professionellen Sozialarbeiter/innen Hilfe.
  • Der Präsenzdienst im Grossmünster hilft, dass jeder und jede, die Hilfe im Kirchenraum sucht, diese auch bekommt.
  • Durch den Besuchsdienst wie auch die Gruppe Freiwilliger, die die Neuzugezogenen in unserem Dorf begrüsst, bekommen wir von der Kirchgemeinde auch an Orte heran, wo versteckt Armut vorhanden ist.
  • Ich persönlich führe unzählige Gespräche am Grossmünster und vor Ort. Vielen kann ich Dank einem Netzwerk von Fachpersonen aus Medizin, Recht, Sozialarbeit, Psychologie und Psychiatrie, Bildung und Politik, Wirtschaft und Kultur helfen.

Hilfe gebührt dem, der in Not ist, und dem wir augenblicklich zum Nächsten werden.


23.08.15 – GROSSMÜNSTER / PREDIGT – KÜHLES WASSER
Abschluss der Predigtreihe über Wassermotive in der Bibel: „Kühles Wasser für eine lechzende Kehle, so ist eine gute Nachricht aus fernem Lande.“ Sprüche 25,25

Liebe Gemeinde
Wasser trinken, kühles Wasser trinken, ein Schluck kaltes Wasser: das kann eine Wohltat sein. Die vergangenen heissen Tage haben manch eine durstende Seele zu dieser Einsicht geführt. Kühles Wasser, kaltes Wasser – das passt zu den Bilder mit Eis und Meer von Bernd Nicolaisen in der kühlen Krypta des Grossmünsters. Ein Brunnen mit kalten Wasser – eine Sehnsucht manch eines Bergsteigers beim Aufstieg in die Hütte.
„Jetzt muss bald der Brunnen kommen!“, keucht mein Sohn nach 800m Aufstieg von Randa in die Dom-Hütte im Wallis. Unsere beiden Söhne und ich wollten den Dom, der höchste ganz in der Schweiz gelegene Berg, erklimmen. Der Weg zum Domhütte führt über 1500m steil die Bergflanke hinauf. „Im Internet steht’s, jetzt muss der Brunnen kommen.“ Doch nichts als sengende Hitze und verdorrtes Gras. Lügt die virtuelle Welt der Satelliten? Schlechte Nachricht aus fernem Lande? Abgelöscht steigen wir hoch, Meter und Meter. „Schau, eine Quelle!“ Der jüngere Sohn führt uns zielsicher zum kühlen Wasser, das aus dem Fels sprudelt. Wasser trinken, ein Schluck kaltes Wasser: das ist eine Wohltat.
Nur dass wir verwöhnten Menschen unserer Zeit selten mit reinem Wasser aus einer Quelle oberhalb von Randa uns zufrieden geben. Mit Kohlensäure versetzt muss es sein, mit allen möglichen und unmöglichen Geschmacksrichtungen aromatisiert, mit Zucker, viel Zucker schmackhaft gemacht, „light“ für die Kalorienbewussten, „energy“ für die Powerfreudigen. Und bald vergessen wir, wie wohl uns kühles Wasser getan hat.
Kühles Wasser trinken: es kann eine Wohltat sein. Jedoch nur zu seiner Zeit. Wenn es regnet oder schneit, lockt mich die Quelle mit frischen Wasser kaum, auch nicht ein Brunnen, geschweige denn ein Krug. Wenn ich getrunken habe, genug getrunken habe, dann lass ich das Wasser stehen. Herumgestandenes Wasser wird schal, erfrischend ist es nicht, es kann auch nicht mehr locken. Kühles Wasser braucht nicht nur die richtige Temperatur, es braucht die richtige Zeit.
Kühles Wasser braucht eine lechzende Kehle. Dann wird es zur Wohltat. In der hebräischen Ursprache schwingt das Wort Seele mit. Mit der lechzenden Kehle schmachtet die Seele. Und alles wird bildhaft, ja, hörbar: Die lechzende Kehle als schmachtende Seele wird zum schmachtenden Mund, in den sich das Wasser, das kalte Wasser ergiesst. Das kalte Wasser braucht eine lechzende Kehle. Erst wo beides zusammentrifft, entsteht eine Wohltat. Ohne Durst weiss ich nicht, was Wasser ist; ohne Trockenheit verstehe ich nichts vom Segen der Nässe. Ohne Hitze erfahre ich nicht die Wohltat kühlender Räume.
Das mag für manche selbstverständlich ertönen, gar banal. Das ist es auch. Nur weisst nun das hebräische Wortfeld Seele darauf hin, dass Kehle und Wasser nicht bloss vordergründig verstanden sein wollen. Das kalte Wasser, die lechzende Kehle, sie stehen für mehr als das Stillen des brennenden Durstes auf einer Bergtour.
Die Seele, nicht bloss die Kehle, kennt einen Durst. Und es muss wohl ein besonderes Wasser sein, wenn die Seele es trinken kann. Könnte es sein, dass dieses Besondere am Wasser besonders in der Begegnung zwischen Kulturen und Religionen entdeckt wird? Jesus, der Jude, wir haben es gehört, wünscht sich Wasser von der Frau, der Samaritanerin, weil er Durst hat. Sie kommen ins Gespräch, der heimische Mann und die fremde Frau. Sie öffnen den Mund, und mit dem Mund das Ohr, und wohl auch das Herz. Und beiden eröffnet sich eine neue Dimension des Bodens, auf dem sie stehen. Der Brunnen ist Jakobs Brunnen und das Wasser ist eine Quelle, deren Wasser ins ewige Leben sprudelt „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr Durst habe und hierher kommen muss, um zu schöpfen.“ (Joh 4,15). Was für eine gute Nachricht von der Begegnung zwischen einem Einheimischen und einer Fremden.
„Gute Nachricht aus fernem Land“: das ist kühles Wasser für eine lechzende Seele. Muss ich das erklären? Gute Nachricht. Jeder versteht, das gemeint ist. Das ist eine Meldung, die aufstellt. Neben der Hitze haben uns die Nachrichten der Tausenden von Frauen, Männern und Kindern in den vergangenen Sommerwochen gelähmt und niedergedrückt, die fliehen vor Elend, Krieg, Vergewaltigung, Hunger und Sinnlosigkeit. Sie sterben auf dem Meer, sie harren zusammengepfercht in überfüllten Auffangstationen wie auf den Inseln Italiens, Griechenlands. Sie kommen aus fernem Land und suchen eine Ort, wo sie in Frieden wohnen können, wo sie lieben und arbeiten dürfen, weil ihnen das alles verwehrt wurde. Wir Einheimischen streiten darüber, ob ihr Status als Flüchtling rechtens ist, wie hoch das Kontigent sein darf, ob wir Grenzen schliessen sollen und ob das Boot nun voll ist oder nicht, während dem die Fremden in ihren Booten auf der Flucht bedroht werden, ihnen Gewalt angetan wird. Die Welt verunglimpft Woche für Woche die Verantwortlichen als „Asylschreckschrauben“ und die Schutz Suchenden als „Drückeberger“, als „illegale Migranten“, die „auf dem Fliessband in die Schweiz“ rutschen und ein Chaos anrichten.
Liebe Gemeinde, solche menschenverachtenden Pamphlete löschen ab, machen mich unendlich wütend und dürfen im Grossmünster nicht unwidersprochen sein. Hier bei uns wurde in den 40er Jahren Paul Vogt, damals Pfarrer in Seebach, durch die Flüchtlingsarbeit von Heinrich Bullinger mit den Vertrieben aus Lugano und später von den nachfolgenden Pfarrern mit der Aufnahme von Hugenotten inspiriert, dass er im Zusammenhang mit seiner Einsetzung als nationalen Flüchtlingspfarrer bekannte, dass dies auch seinen Auftrag gegenüber jüdischen Flüchtlingen entscheidend prägte. „Asylschreckschraube Sommaruga“ – Nein, so nicht!
Und dann kommt eine Meldung vom Sozialamt des Kantons, die mich aufstellt. „Ja, wir haben eine Kleinfamilie, die Tochter ist halbjährig. Wir suchen für sie eine Wohnung, sie sind aus Syrien, sind Kurden, sie können nicht mehr zurück. Der Vater ist vor dem Regime Assads geflohen.“ Ich besuche die Familie in der Notunterkunft in Embrach. Schüchtern beginnt das Gespräch, tastend, von Verletzungen und Ängsten geprägt. Nach dem Besuch der Notwohnung unserer Kirchgemeinde in der Helferei und dem Besuch bei den kurdischen Brüdern, die das Restaurant Dialog an der Münstergasse führen, sprudelt es plötzlich aus dem Vater hervor. Und die Mutter freut sich, seit Monaten zum ersten Mal bald alleine in der Küche zu stehen und für ihre Familie zu kochen und nicht im Stress mit 20 anderen fremden Menschen die Küche zu teilen.
In den nächsten Tagen wird die junge Familie bei uns einziehen. Ihre Sehnsucht nach Frieden und stressfreien Raum ist gross, so gross. Wir werden mit unseren Kontakten und Freiwilligen als Kirchgemeinde alles unternehmen, dass sie bei uns in Zürich eine Zukunft bekommt. Gute Nachricht ist das in mancher Hinsicht. Und es ist eine Wohltat für manch eine Seele.
„Aus fernem Land“: seltsam, dieses ferne Land. Wäre gute Nachricht aus der Nähe nicht viel schöner? „Warum müssen Sie, Herr Pfarrer, immer denen helfen von weit weg. Bei uns haben wir auch Not. Sie müssen sich doch zuerst um ihre Schäfchen kümmern!“ Ach, wie hellen sich die dunklen Gesichtern jeweils auf, wenn ich erzähle, was alles Kirchen für die Not vor Ort vordergründig und auch im Hintergrund macht, zusammen mit staatlichen Einrichtungen, diakonischen Werke, Stiftungen, Familien. Und auch die Notwohnung in unserem Kirchgemeindehaus besteht schon seit Jahren. Und manch sehnsüchtig hilfesuchende Seele fand in unseren Räumen Ruhe und Frieden. Also, gute Nachricht aus heimischem Land, davon kann ich Bände schreiben.
Es wird jedoch schon seinen Sinn haben, wenn von fernem Land die Rede ist. Ich stelle mir vor, ein fernes Land damals. Kein Telephon, kein Internet, kein Flugzeug, das eine Luftbrücke baut, kein skype und keine Kommunikation. Ein fernes Land war wirklich fern, fern jeder Einwirkung von aussen entzogen. Das ferne Land ist demnach ein Land, wo ich nichts tun kann, nichts wirken kann. Es ist ein Land jenseits des Könnens, ein Land, wo die Erfahrung: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!“ in die Sackgasse führt.
Solch ferne Länder gibt es auch heute noch, auch in der Zeit des globalen Dorfes Welt. Gebiete, wo ich mit meinem Können an eine Grenze stosse. Diesseits kann ich etwas tun, dass die Nachricht gut wird. Ich kann Räume öffnen, Türen aufschliessen, Herzen anrühren. Jenseits jener Grenze kann ich jedoch nichts mehr tun, da bin ich machtlos. Sie merken, jetzt rede ich nicht mehr von Syrien und Nordirak, von Libyen und Eritrea. Ich spreche nicht von politischen Ländern, es geht mir jetzt um die Geographie der Seele. Und die Seele tut sich schwer mit den Gebieten, wo man machtlos nichts mehr machen kann. Denn plötzlich taucht die Frage auf, ob die Würde des Menschen wirklich daran hängt, was ich noch machen und leisten und wirken und denken kann. Die Seele kann sich sehnen, lechzen nach guter Nachricht auch aus jenen fernen Gebieten, jedoch selber bereiten kann sie das kühlende Wasser nicht. Denn das Land ist zu fern.
Wir sorgen uns um so manches, das wir nicht steuern können. Oft sind die grössten Sorgen dort, wo wir am wenigstens machen können. Wenn dann gute Nachricht kommt, nicht von uns geschrieben, jedoch für uns gedacht, dann trinkt die lechzende Seele, es tut ihr so wohl.
Sie wollen Beispiele solcher Wohltaten? Ich hoffe, Ihr Leben ist nicht arm daran: Ein Kind, ein Enkel wird gesund geboren, eine schlimme Krankheit wendet sich zum Guten, die Bergtour endet wohlbehalten in der Hütte, die eigene Tochter findet einen sympathischen Freund, ich finde als ausgebildete Pfarrerin eine gute Gemeinde, wo ich das gelernte segensreich einbringen kann. Das und vieles andere ist kühles Wasser für eine lechzende Seele, gute Nachricht an Orten, wo ich selbst nichts tun konnte, wo ich andere machen lassen musste.
Soweit meine Auslegung unseres Predigtverses. Nun lässt sich derselbe Satz noch einmal anders auslegen. Und dieselben Worte beginnen noch einmal neu zu erzählen. Sehen Sie selbst. Mich lässt dieser Gedanke einfach nicht los.
Ist dieses ferne Land wirklich der Ort, wo all unsere Macht und all unser Wirken zu Ende gekommen sind, dann ist dieses ferne Land nichts anderes als das Land des Todes. Denn im Tod endet unser Vermögen, etwas zu tun, endet unsre Macht. Gerade der Tod weckt Ängste und Sorgen wie kaum etwas. Der Exit dorthin beschäftigt uns immer mehr, in der Politik, in der Familie, bei uns selber.
Nun bringt uns die Bibel tatsächlich eine gute Nachricht aus dem Land des Todes: es ist die Nachricht der Auferstehung, des neu ins ewige Leben erweckten Lebens, das herausgerissen aus dem Spalt des Todes zur Quelle wird, deren Wasser ins ewige Leben sprudelt, die Botschaft von Ostern. Es ist deshalb eine gute Nachricht, weil sie vom Sieg Gottes berichtet, vom Sieg des lebendigen Gottes über den tötenden Tod. Die Nachricht ist gut, weil sie von der Vergebung berichtet, von der Vergebung tödlicher Schuld. Die Nachricht ist deshalb so gut, weil sie von Beauftragung redet, vom Auftrag, hier und jetzt zu heilen und zu helfen, zu teilen das Brot und zu reichen den Kelch, den übervollen.
Die neutestamentlichen Schriften reden nicht von einer guten Nachricht, die aufstellt. Damals sprachen die Christen griechisch. Und gute Nachricht auf Griechisch heisst „eu-angelion“, also Evangelium. Das Evangelium ist nichts anderes als die gute Nachricht aus fernem Land, die gute Nachricht aus dem Land des Todes.
Und so ist das kühle Wasser das Evangelium des Neuen Testaments, das solch wunderschöne Geschichten schreibt wie die der Begegnung von der Samaritanerin mit Jesus am Brunnen Jakobs. Und die beglückte Seele jubelt: „Jubelt Gott zu, er ist unsre Hilfe; Jauchzt dem Gott Jakobs zu.“ (Psalm 81,1). Doch eben: zur Wohltat wird das Evangelium für eine lechzende Kehle, für eine schmachtende Seele. Und das wären nun wir. Sind wir es? Kennen wir diesen Durst nach Leben, nach Vergebung, nach Liebe, nach Frieden? Kennen wir den Durst nach Gott? Oder leben wir in nasser Zeit, in der Kälte, und lassen das Wasser stehen? Und wenn unsre Seele lechzt, haben wir das Gespür noch für das reine, klare Wasser aus der Kühle des Innern? Oder sollte gar die biblische Botschaft auch möglichst prickeln, aromatisiert und versüsst werden? Ich hoffe, nicht.
Ich freue mich über die lechzende Seele, denn ihr ist verheissen, einmal getränkt zu werden vom kühlen Wasser. Und sie erahnt, sie trinkt Gott. Amen.

Fürbitte: Gott, in dir ist Freude, in allem Leide,
vergiss das Leiden nicht all derer,
die fliehen, und umkommen,
die fliehen, und kein Gehör bekommen,
die helfen, und angegriffen werden,
die helfen, und verunglimpft werden.
Durch dich sie haben, himmlische Gaben,
den Glauben, dass es gut kommt,
die Liebe, die sich vom Schmerz anrühren lässt,
die Hoffnung, die nie aufgibt.
Gott, erbarm dich ihrer.

Wenn wir dich haben, Gott, kann uns nichts schaden,
Teufel, Welt, Sünd oder Tod.
Vergiss das Leiden nicht all derer,
die vom Teufel getrieben im Wahn in unseren Gassen herumirren und Stallwärme brauchen, Brotkörbe,
diakonische Werke wie das Sozialwerk Sieber,
die in eine eigene Welt verschwinden,
weil sie alles vergessen,
die von Sünd und Schuld geplagt keinen Ausweg finden,
die Angst vor dem Tod haben als fernes Land,
wo sie nichts mehr machen können.
Du kannst alles wenden, wie nur heissen mag die Not.
Herr, erbarm dich ihrer. Amen (Nach RG 652)


17.08.15 – FLÜCHTLINGSNOT ZEICHENSETZUNG AM GROSSMÜNSTER IN WORT UND TAT
Die Situation der Flüchtlinge verschärfte sich in den letzten Monaten dramatisch und wir befinden uns weltweit in einer humanitären Katastrophe. Mit Zeichensetzung in Wort und Tat führt das Grossmünster die lange Tradition gegenüber der Situation von verfolgten Menschen weiter. Schon zu Lebzeiten Heinrich Bullingers trafen 1555 evangelische Christen aus Locarno am Grossmünster ein. Später wurden Hugenotten Schutz geboten. Immer wieder öffneten sich die Türen für hilfesuchende Menschen, welche gezwungen wurden ihr Hab und Gut und Familie zu verlassen. Nun bietet die Kirchengemeinde Grossmünster einer syrisch-kurdischen Flüchtlingsfamilie in ihrer Notsituation Obhut im Kirchengemeindehaus Helferei.
Einmal im Monat findet zum Flucht-Gedanken: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen….“ eine offene Diskussionsrunde mit unterschiedlichen Gästen und Moderatoren statt.

Am 31. August 2015, 18:00 Uhr, laden wir herzlich zur ersten offenen Gesprächsrunde ASYL-POLITIK KONTROVERS mit Mario Fehr (SP), Jürg Trachsel (SVP) und Balthasar Glättli (Grüne Partei) ein. Moderation: Christoph Sigrist


12.07.15 – Restlicht – Gottesdienst am Sonntag, mit Bernd Nicolaisen
Das Projekt Restlicht von Bernd Nicolaisen bündelt mit jeder der grossartigen Fotografien den letzten Rest des Lichtes und entlässt es aus der Kälte und Erstarrung hinaus in die Weite der Verwandlung zu Wärme und Bewegung. Diese Transformation von Enge zu Weite, von Dämmerung ins Helle, von Schatten ins Licht, alle diese Teile bilden als Installation in der Krypta, die Spuren im Gewölbe in einer einzigartigen Weise weiter – und zwar in dreifacher Weise: Jede Krypta als Ort der Vergänglichkeit und des Todes wird durchflutet vom Restlicht des Morgengrauens. Durch dieses Licht fliessen Besuchende, Raum, Dunkelheit und Dämmerung ineinander und verschmelzen zu einer vitalen neuen Erfahrung der besonderer Art: Obwohl noch im Verborgenen sich aufhaltend, zieht das Licht ins Offenbare. Licht offenbart im Rest der Dunkelheit die Fülle des hellen Ostermorgens. Die Perspektive der Kamera von Bernd Nicolaisen wird zum Blick des Engels aus dem leeren Grab.

2. In diesem Perspektivenwechsel von aussen nach innen liegt ein Geheimnis verborgen. Normalerweise schauen wir Menschen auf den Gletscher und ins Gletschertor. Normalerweise blicken wir vom Leben auf das Älterwerden und das Sterben. Doch das Geheimnis des Lichtes liegt andersherum: Aus dem Gletscher hinaus durchs geschmolzene Tor ins Licht der Welt von Island. Dem entspricht in der Krypta: Hinaus aus dem Tod durch den weggewälzten Stein ins Licht am Ostermorgen. Der Perspektive der Kamera entspricht der Perspektive des Glaubens, Umkehrung der Welt.

3. Dazu kommt noch etwas Drittes: Die Bilder sind in einer ewig dauernden Beleuchtung entstanden. Restlich gibt dem Tempo den letzten Rest und bildet die Entschleunigung als langsames Wachsen und Schmelzen von Eis. Damit entspricht die Art der Entstehung, der Fotografie, der Art des Wachsens im Glauben. Die Resilienz, das heisst, die eigene Kraft des Glaubens ist die Entschleunigung. Erst darin entdeckt der Glaubende die Farben im Weiss, die Wärme in der Kälte, die Fülle im Rest. Wer in die Krypta geht, entschleunigt den Schritt, wer vor die Bilder tritt, bleibt für den Rest des Augenblicks stehen und beginnt, langsam aber sicher Schritte ins Imaginäre, ins Offene, ins Visionäre zu gehen. Er wird zum Fotografen und zur Fotografin der eigenen Erfahrung mit der Welt, mit Gott als Schöpfer dieser Welt und mit sich als Kind dieses Gottes.

Die Krypta wird so zur Kammer, wo sich das Restlicht im Licht der Schöpfung spiegelt, und das geschaffene Licht im Licht des Schöpfers aufblitzt. Ein Rest dieses Lichtes ist in den Psalmen, den Gebeten aus der Bibel, ein Schatz jüdisch-christlicher Frömmigkeit, gleichsam eingefroren und scheint immer wieder auf: „Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ Psalm 36,10. Möge manchem Besuchenden dafür das Licht aufgehen und zum Innehalten oder Nachdenken in der Krypta anregen.

Seien Sie herzlich willkommen zum Gottesdienst: Wasserpredigten II: Schnee und Eis, Text: Hiob 37,10, Psalm 51,9


29.06.15 – Gastfreundschaft Berlin – Zürich
Das Grossmünster ist ein gastlicher Raum den tausende von Gästen während der Woche aufsuchen. Die Gemeinde am Sonntag beherbergt immer wieder Besucher aus anderen Kirchgemeinden, Ländern, sowie aus anderen Konfessionen und Religionen. Wir haben am Grossmünster gelernt gastfreundlich zu sein. Im Präsenzdienst begleiten wir die Kirchgänger mit ihren Fragen und Beobachtungen durch den Raum. Am Sonntag laden wir Gäste ein zu predigen, zu musizieren und im Dialog über Gott und die Welt nachzudenken.
Diesen Sonntag ist meine Kollegin Pfarrerin Dr. Petra Zimmermann zu Gast um gemeinsam zu predigen. Sie ist Pfarrerin am Berliner Dom. Seit Jahren kennen wir uns aus der Citykirchenkonferenz, die alle Stadtkirchen und Citykirchen aus Deutschland, Holland und der Schweiz vereint. Im letzten Sommer waren das collegium vocale, unter der Leitung von Daniel Schmid, in Berlin zu Gast. Wir sangen im gut gefüllten Dom und ich predigte auf der Kanzel zu „…befreit von der Sünde, seid ihr in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt worden“. (Röm 6,18) Ich freue mich sehr, dass wir ihre Predigt zum Fischzug des Petrus, in Lukas 5, mit einem Kantatengottesdienst, Abendmahl und viel Musik von Johann Sebastian Bach feiern können.


18.06.15 – Flüchtlingssonntag 2015
Am nächsten Sonntag feiern wir den nationalen Flüchtlingstag. Kirchen sind Hüterinnen der jüdisch-christlichen Tradition den Fremden zu beherbergen und ihm sein Antlitz zuwenden. „Nach dem Bilde Gottes sein heisst nicht Ikone Gottes sein, sondern sich in seiner Spur befinden. Er zeigt sich nur in seiner Spur. Zu ihm hingehen heisst nicht dieser Spur folgen, sondern auf die Anderen zugehen die sich in der Spur halten“. (Emanuel Lévinas) Der Auftrag der Kirchen, zusammen mit anderen Religionen besteht darin, auf die vor Krieg, Hunger und vor Glaubensverfolgung Fliehenden zuzugehen. Damit verbindet sich der diakonische Auftrag mit der humanitären Tradition der Schweiz, die am 22. August 1864 in Genf, zusammen mit 11 anderen Staaten, die erste Genfer Konvention als grundlegenden Akt zur Einrichtung des humanitären Völkerrechts unterschrieb. Zusammen mit dem Staat undHilfswerken sind wir als Kirchen in diesem Jahr mehr denn sonst gefordert, den Notleidenden die den Weg hierher finden, Räume bereitzuhalten für Gebet, Obdach, Nahrung und neuen Perspektiven.